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Johann, der Diener, trat ins Speisezimmer. »Tun Sie nicht so, als ob Sie lesen könnten!« sagte er
unwillig. »Es glaubt Ihnen ja doch kein Mensch.«
Sie schoß einen vergifteten Blick ab. Dann wies sie auf die Zeitung. »Heute stehen die
Preisträger drin! Den ersten Preis hat ein Doktor aus Charlottenburg gekriegt, und den zweiten
ein gewisser Herr Schulze. Für so'n paar kurze Sätze werden nun die beiden Männer auf vierzehn
Tage in die Alpen geschickt!«
»Eine viel zu geringe Strafe«, erwiderte Johann. »Sie gehörten nach Sibirien. Um was handelt
sich's übrigens?«
»Um das Preisausschreiben der Putzblank-Werke.«
»Ach so«, sagte Johann, nahm die Zeitung und las das halbseitige Inserat. »Dieser Schulze! Er
hat keine Adresse. Er wohnt postlagernd!«
»Man kann postlagernd wohnen?« fragte Frau Kunkel. »Ja, geht denn das?«
»Nein«, erwiderte der Diener. »Warum haben Sie sich eigentlich nicht an dem Preisausschreiben
beteiligt? Sie hätten bestimmt einen Preis gekriegt.«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Man hätte Sie auf zwei Wochen in die Alpen geschickt. Vielleicht hätten Sie sich einen Fuß
verstaucht und wären noch länger weggeblieben.« Er schloß genießerisch die Augen.
»Sie sind ein widerlicher Mensch«, meinte sie. »Ihretwegen bräche ich mir nicht einmal das
Genick.«
Johann fragte: »Wie macht sich das neue Dienstmädchen ?«
Frau Kunkel erhob sich. »Sie wird bei uns nicht alt werden. Warum heißt die Person eigentlich
Isolde?«
»Die Mutter war eine glühende Verehrerin von Richard Wagner«, berichtete Johann.
»Was?« rief die Hausdame. »Unehelich ist diese Isolde auch noch?«
»Keine Spur. Die Mutter war verheiratet.«
»Mit Richard Wagner?«
»Aber nein.«
»Warum wollte er denn, daß das Kind Isolde heißen sollte? Was ging ihn das an?«
»Richard Wagner hatte doch keine Ahnung von der Geschichte. Fräulein Isoldes Mutter wollte
es.«
»Und der Vater wußte davon?«
»Selbstverständlich. Er liebte Wagner auch.«
Frau Kunkel ballte die gepolsterten Hände. »Ich lasse mir allerlei gefallen«, sagte sie dumpf.
»Aber das geht zu weit!«
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Das zweite Kapitel
Herr Schulze und Herr Töbler
Es schneite. Vor dem Postamt in der Lietzenburger Straße hielt eine große, imposante
Limousine.
Zwei Jungen, die mit Schneebällen nach einer Laterne warfen, unterbrachen ihre aufreibende
Tätigkeit.
»Mindestens zwölf Zylinder«, sagte der Größere.
»Eine klotzige Karosserie«, meinte der Kleinere.
Dann pflanzten sie sich vor dem Fahrzeug auf, als handle sich's mindestens um den Sterbenden
Gallier oder den Dornauszieher.
Der pelzverbrämte Herr, welcher der klotzigen Karosserie entstieg, glich etwa einem
wohlhabenden Privatgelehrten, der regelmäßig Sport getrieben hat. »Einen Moment, Brandes«,
sagte er zu dem Chauffeur.
Dann trat er in das Gebäude und suchte den Schalter für postlagernde Sendungen.
Der Beamte fertigte gerade einen Jüngling ab. Er reichte ihm ein rosafarbenes Briefchen. Der
Jüngling strahlte, wurde rot, wollte den Hut ziehen, unterließ es und verschwand hastig.
Der Herr im Gehpelz und der Oberpostsekretär lächelten einander an. »Das waren noch Zeiten«,
sagte der Herr.
Der Beamte nickte. »Und nun sind wir alte Esel geworden. Ich jedenfalls.«
Der Herr lachte. »Ich möchte mich nicht ausschließen.«
»So alt sind Sie noch gar nicht«, meinte der Beamte.
»Aber schon so ein Esel!« sagte der Herr vergnügt. »Ist übrigens ein Brief für Eduard Schulze
da?«
Der Oberpostsekretär suchte. Dann reichte er einen dicken Brief heraus. Der Herr steckte den
Brief in die Manteltasche, bedankte sich, nickte heiter und ging.
Die zwei Jungen standen noch immer vor dem Auto. Sie verhörten den Chauffeur. Er schwitzte
bereits. Sie erkundigten sich, ob er verheiratet sei.
»Da hätte ich doch 'n Trauring um«, bemerkte er zurechtweisend.
Die Jungen lachten. »Mensch, der nimmt uns auf die Rolle«, meinte der Größere.
»So was dürfen Sie mit uns nicht machen«, sagte der Kleinere vorwurfsvoll. »Mein Vater hat ihn
auch in der Westentasche.«
Als der Herr aus dem Postamt trat, stieg der Chauffeur rasch aus und öffnete den Schlag. »So 'ne
Bengels können einen alten Mann glatt ins Krankenhaus bringen«, sagte er verstört.
Herr Schulze musterte die Knirpse. »Sollen wir euch einmal ums Viereck fahren?« Sie nickten
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und schwiegen. »Na, dann rin in die gute Stube!« rief er. Sie kletterten stumm in den Fond.
Die Fahrt ging los. »Dort kommt Arthur!« sagte der Große. Der Kleine klopfte an die Scheibe.
Beide winkten stolz. Arthur blieb stehen, blickte den Kameraden verständnislos nach und winkte
erst, als das Auto um die Ecke gebogen war.
»Wieviel Kilometer ist Ihr Wagen schon gefahren?« fragte der Kleinere.
»Keine Ahnung«, sagte Herr Schulze.
»Gehört er Ihnen denn nicht?« fragte der Größere.
»Doch, doch.«
»Hat 'n Auto und weiß nicht, wieviel Kilometer es gelaufen ist!« meinte der Größere
kopfschüttelnd.
Der Kleinere sagte nur: »Allerhand.«
Herr Schulze zog das Schiebefenster auf. »Brandes, wieviel Kilometer ist der Wagen gefahren?«
»60350 Kilometer!«
»Dabei sieht er noch wie fabrikneu aus«, meinte der kleine Junge fachmännisch. »Wenn ich groß
bin, kauf ich mir genau denselben.«
»Du wirst niemals groß«, bemerkte der andere. »Du wächst nicht mehr.«
»Ich werde so groß wie mein Onkel Gotthold. Der geht nicht durch die Türe.«
»So siehst du aus! Du bleibst 'n Zwerg.«
»Ruhe!« sagte Herr Schulze. »Brandes, halten Sie mal!«
Der Herr ging mit den zwei Jungen in ein Schokoladengeschäft. Sie durften sich etwas
aussuchen. — Der Kleinere bekam Marzipanbruch, der Größere Drops mit Fruchtgeschmack.
Und für sich selber kaufte Herr Schulze eine Rolle Lakritzen. Die Verkäuferin rümpfte die Nase.
Dann transportierte Brandes die kleine Gesellschaft in die Lietzenburger Straße zurück. Die
beiden Jungen dankten für alles Gebotene, stiegen aus und machten tiefe Verbeugungen.
»Kommen Sie hier öfter vorbei?« fragte der Größere.
»Da würden wir nämlich jeden Tag aufpassen«, sagte der Kleinere.
»Das fehlte noch«, brummte Brandes, der Chauffeur, und gab Gas.
Die zwei Jungen sahen dem Wagen lange nach. Dann griffen sie in ihre Zuckertüten.
»Ein feiner Kerl«, sagte der Kleinere, »aber von Autos hat er keinen Schimmer.«
Das Essen hatte geschmeckt. Isolde, das neue Dienstmädchen, hatte abgeräumt, ohne Frau
Kunkel eines Blickes zu würdigen. Johann, der Diener, brachte Zigarren und gab dem Herrn des
Hauses Feuer. Fräulein Hilde, Toblers Tochter, stellte Mokkatassen auf den Tisch.
Die Hausdame und der Diener wollten gehen. An der Tür fragte Johann: »Irgendwelche
Aufträge, Herr Geheimrat?«
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»Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit uns! Die Kunkel auch. Und stecken Sie sich eine Zigarre ins
Gesicht!«
»Sie wissen doch, daß ich nicht rauche«, sagte Frau Kunkel.
Hilde lachte. Johann nahm eine Zigarre. Der Geheimrat setzte sich. »Nehmt Platz, Kinder! Ich
habe euch etwas mitzuteilen.«
Hilde meinte: »Sicher wieder etwas Originelles.«
»Entsetzlich«, stöhnte die Hausdame. (Sie litt an Ahnungen.)
»Ruhe!« befahl Tobler. »Entsinnt ihr euch, daß ich vor Monaten den Putzblank-Werken schrieb,
man solle ein Preisausschreiben machen?«
Die anderen nickten.
»Ihr wißt aber nicht, daß ich mich an eben diesem Preisausschreiben, nachdem es veröffentlicht
worden war, aktiv beteiligte! Und was ich bis heute früh selber noch nicht wußte, ist die
erstaunliche Tatsache, daß ich in dem Preisausschreiben meiner eigenen Fabrik den zweiten
Preis gewonnen habe!«
»Ausgeschlossen«, sagte die Kunkel. »Den zweiten Preis hat ein gewisser Herr Schulze
gewonnen. Noch dazu postlagernd. Ich hab's in der Zeitung gelesen.«
»Aha«, murmelte Fräulein Hilde Tobler.
»Kapieren Sie das nicht?« fragte Johann.
»Doch«, sagte die Kunkel. »Der Herr Geheimrat verkohlt uns.«
Jetzt griff Hilde ein. »Nun hören Sie einmal gut zu! Mein Vater erzählt uns, er habe den Preis
gewonnen. Und in der Zeitung steht, der Gewinner heiße Schulze. Was läßt sich daraus
schließen?«
»Dann lügt eben die Zeitung«, meinte Frau Kunkel. »Das soll es geben.«
Die anderen bekamen bereits Temperatur.
»Es gibt noch eine dritte Möglichkeit«, sagte Tobler. »Ich könnte mich nämlich unter dem
Namen Schulze beteiligt haben.«
»Auch das ist möglich«, gab Frau Kunkel zu. »Da kann man leicht gewinnen! Wenn man der
Chef ist!« Sie wurde nachdenklich und schließlich streng. »Dann konnten Ihnen Ihre Direktoren
aber den ersten Preis geben.«
»Kunkel, man sollte Sie mit dem Luftgewehr erschießen!« rief Hilde.
»Und dann mit Majoran und Äpfeln füllen«, ergänzte Johann.
»Das habe ich nicht verdient«, sagte die dicke alte Dame mit tränenerstickter Stimme.
Johann ließ den Mut noch nicht sinken. »Die Direktoren gaben doch den Preis einem ihnen
vollkommen fremden Menschen!«
»Ich denke, dem Herrn Geheimrat!«
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»Das wußten sie doch aber nicht!« rief Hilde ärgerlich.
»Schöne Direktoren sind das«, meinte Frau Kunkel. »So etwas nicht zu wissen! Ha!« Sie schlug
sich aufs Knie.
»Schluß der Debatte!« rief der Geheimrat. »Sonst klettre ich auf die Gardinenstange.«
»Da haben Sie's«, sagte die Kunkel zu Johann. »Den armen Herrn Geheimrat so zu quälen!«
Johann verschluckte vor Wut eine größere Menge Zigarrenrauch und hustete. Frau Kunkel
lächelte schadenfroh.
»Worin besteht denn dieser zweite Preis?« fragte Hilde.
Johann gab hustend Auskunft. »Zehn Tage Aufenthalt im Grandhotel Bruckbeuren. Hin- und
Rückfahrt 2. Klasse.«
»Ich ahne Fürchterliches«, sagte Hilde. »Du willst als Schulze auftreten.«
Der Geheimrat rieb sich die Hände. »Erraten! Ich reise diesmal nicht als der Millionär Tobler,
sondern als ein armer Teufel namens Schulze. Endlich einmal etwas anderes. Endlich einmal
ohne den üblichen Zinnober«. Er war begeistert. »Ich habe ja fast vergessen, wie die Menschen
in Wirklichkeit sind. Ich will das Glashaus demolieren, in dem ich sitze.«
»Das kann ins Auge gehen«, meinte Johann.
»Wann fährst du?« fragte Hilde.
»In fünf Tagen. Morgen beginne ich mit den Einkäufen. Ein paar billige Hemden. Ein paar
gelötete Schlipse. Einen Anzug von der Stange. Fertig ist der Lack!«
»Falls sie dich als Landstreicher ins Spritzenhaus sperren, vergiß nicht zu depeschieren«, bat die
Tochter.
Der Geheimrat schüttelte den Kopf. »Keine Bange, mein Kind. Johann fährt ja mit. Er wird die
zehn Tage im gleichen Hotel verleben. Wir werden einander allerdings nicht kennen und kein
einziges Wort wechseln. Aber er wird jederzeit in meiner Nähe sein.«
Johann saß niedergeschlagen auf seinem Stuhl.
»Morgen lassen wir Ihnen bei meinem Schneider mehrere Anzüge anmessen. Sie werden wie ein
pensionierter Großherzog aussehen.«
»Wozu?« fragte Johann. »Ich habe noch nie etwas anderes sein wollen als Ihr Diener.«
Der Geheimrat erhob sich. »Wollen Sie lieber hierbleiben?«
»Aber nein«, erwiderte Johann. »Wenn Sie es wünschen, reise ich als Großherzog.«
»Sie reisen als wohlhabender Privatmann«, entschied Tobler. »Warum soll es immer nur mir
gutgehen! Sie werden zehn Tage lang reich sein.«
»Ich wüßte nicht, was ich lieber täte«, sagte Johann tieftraurig. »Und ich darf Sie während der
ganzen Zeit nicht ansprechen?«
»Unter gar keinen Umständen. Mit einem so armen Mann wie mir haben Herrschaften aus Ihren
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