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Добавлен: 09.04.2021
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»Ich sehe kein Grübchen«, sagte der Schneemann. »Ich schließe wieder zu.«
»Hildchen!« rief Fritz. »Lach doch mal! Der Onkel will nicht glauben, daß du ein Grübchen hast.
Tanze ihm den Sterbenden Schwan vor! Stehen Sie auf, teuerste Gräfin! Morgen versetzen wir
deinen Ring und fahren für zweitausend Mark Achterbahn! Aber lache! Lache!«
Es war vergebens. Hilde erkannte ihn nicht. Sie lächelte nicht und lachte nicht. Sie stand in der
Ecke und weinte.
Kasimir steckte den Schlüssel ins Türschloß. Fritz fiel ihm in den Arm. Der Schneemann packte
den jungen Mann am Schöpf und rüttelte ihn.
»Unterlassen Sie das!« rief Hagedorn wütend.
»Na, na, na«, sagte jemand. »Kommen Sie zu sich!«
Vor ihm stand der Zugschaffner. »Bitte, die Fahrkarten!« Und draußen dämmerte der Tag.
Am Morgen klingelte es bei Frau Hagedorn in der Mommsenstraße. Die alte Dame öffnete.
Draußen stand Karlchen, der Lehrling des Fleischermeisters Kuchenbuch.
»Hallo!« sagte sie. »Telefoniert mein Sohn schon wieder?«
Karlchen schüttelte den Kopf. »Einen schönen Gruß von meinem Meister, und heute wäre die
Überraschung noch größer als vorgestern. Und Sie sollen, bitte, nicht erschrecken. Sie
bekommen Besuch.«
»Besuch?« meinte die alte Dame. »Über Besuch erschrickt man nicht! Wer kommt denn?«
Von der Treppe her rief es: »Kuckuck! Kuckuck!«
Mutter Hagedorn schlug die Hände überm Kopfe zusammen. Sie lief ins Treppenhaus und
blickte um die Ecke. Eine Etage tiefer saß ihr Junge auf den Stufen und nickte ihr zu.
»Da hört sich doch alles auf!« sagte sie. »Was willst du denn in Berlin, du Lausejunge? Du
gehörst doch nach Bruckbeuren! Steh auf, Fritz! Die Stufen sind zu kalt.«
»Muß ich gleich wieder zurückfahren?« fragte er. »Oder kriege ich erst 'ne Tasse Kaffee?«
»Marsch in die gute Stube«, befahl sie.
Er kam langsam herauf und schlich mit seinem Koffer an ihr vorbei, als habe er Angst.
Karlchen lachte naiv und verzog sich.
Mutter und Sohn spazierten Arm in Arm in die Wohnung. Während sie frühstückten, berichtete
Fritz ausführlich von den Ereignissen des Vortags. Dann las er die beiden Abschiedsbriefe vor.
»Da stimmt etwas nicht, mein armer Junge«, meinte die Mutter tiefsinnig. »Du bist mit deiner
Vertrauensseligkeit wieder einmal hineingefallen. Wollen wir wetten?«
»Nein«, erwiderte er.
»Du bildest dir immer ein, man merkte auf den ersten Blick, ob an einem Menschen etwas dran
ist oder nicht«, sagte sie. »Wenn du recht hättest, müßte die Welt ein bißchen anders aussehen.
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Wenn alle ehrlichen Leute ehrlich ausschauten und alle Strolche wie Strolche, dann könnten wir
lachen. Die schöne Reise haben sie dir verdorben. Am nächsten Ersten mußt du ins Büro. Eine
Woche zu früh bist du abgereist. Man könnte mit dem Fuß aufstampfen!«
»Aber gerade deswegen hat sich Eduard wahrscheinlich nicht von mir verabschiedet!« rief er.
»Er fürchtete, ich käme mit, und er wollte, ich solle in Bruckbeuren bleiben! Er dachte doch
nicht, daß ich erführe, wie abscheulich man ihn behandelt hat.«
»Dann konnte er wenigstens seine Berliner Adresse dazuschreiben«, sagte die Mutter. »Ein
Mann mit Herzensbildung hätte das getan. Da kannst du reden, was du willst. Und warum hat
sich das Fräulein nicht von dir verabschiedet? Und warum hat denn sie keine Adresse
angegeben? Von einem Mädchen, das du heiraten willst, können wir das verlangen! Alles, was
recht ist.«
»Du kennst die zwei nicht«, entgegnete er. »Sonst würdest du das alles ebensowenig verstehen
wie ich. Man kann sich in den Menschen täuschen. Aber so sehr in ihnen täuschen, das kann man
nicht.«
»Und was wird nun?« fragte sie. »Was wirst du tun?«
Er stand auf, nahm Hut und Mantel und sagte: »Die beiden suchen!«
Sie schaute ihm vom Fenster aus nach. Er ging über die Straße.
»Er geht krumm«, dachte sie. »Wenn er krumm geht, ist er traurig.«
Während der nächsten fünf Stunden hatte Doktor Hagedorn anstrengenden Dienst. Er besuchte
Leute, die Eduard Schulze hießen. Es war eine vollkommen blödsinnige Beschäftigung. So oft
der Familienvorstand selber öffnete, mochte es noch angehen. Dann wußte Fritz wenigstens
sofort, daß er wieder umkehren konnte. Er brauchte nur zu fragen, ob etwa eine Tochter namens
Hildegard vorhanden sei.
Wenn aber eine Frau Schulze auf der Bildfläche erschien, war die Sache zum Auswachsen. Man
konnte schließlich nicht einfach fragen: »War Ihr Herr Gemahl bis gestern in Bruckbeuren?
Haben Sie eine Tochter? Ja? Heißt sie Hilde? Nein? Guten Tag!«
Er versuchte es auf jede Weise. Trotzdem hatte er den Eindruck, überall für verrückt gehalten zu
werden.
Besonders schlimm war es in der Prager Straße und auf der Masurenallee.
In der Prager Straße rief die dortige Frau Schulze empört: »Also in Bruckbeuren war der Lump?
Mir macht er weis, er käme aus Magdeburg. Hatte er ein Frauenzimmer mit? Eine dicke
Rotblonde?«
»Nein«, sagte Fritz. »Es war ja gar nicht Ihr Mann. Sie tun ihm unrecht.«
»Und wieso kommen Sie dann hierher? Nein, nein, mein Lieber! Sie bleiben hübsch hier und
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warten, bis mein Eduard nach Hause kommt! Dem werde ich helfen!«
Hagedorn mußte sich mit aller Kraft losreißen. Er floh. Sie schimpfte hinter ihm her, daß das
Treppenhaus wackelte.
Ja, und bei den Schulzes auf der Masurenallee existierte eine Tochter, die Hildegard hieß! Sie
war zwar nicht zu Hause. Aber der Vater war da. Er bat Fritz in den Salon.
»Sie kennen meine Tochter?« fragte der Mann.
»Ich weiß nicht recht«, sagte Fritz verlegen. »Vielleicht ist sie's. Vielleicht ist sie's nicht. Haben
Sie zufällig eine Fotografie der jungen Dame zur Hand?«
Herr Schulze lachte bedrohlich. »Ich will nicht hoffen, daß Sie meine Tochter nur im Dunkeln zu
treffen pflegen!«
»Keineswegs«, erklärte Fritz. »Ich möchte nur feststellen, ob Ihr Fräulein Tochter und meine
Hilde identisch sind.«
»Ihre Absichten sind doch ernst?« fragte Herr Schulze streng.
Der junge Mann nickte.
»Das freut mich«, sagte der Vater. »Haben Sie ein gutes Einkommen? Trinken Sie?«
»Nein«, meinte Fritz. »Das heißt, ich bin kein Trinker. Das Gehalt ist anständig. Bitte, zeigen Sie
mir eine Fotografie!«
Herr Schulze stand auf. »Nehmen Sie mir's nicht übel! Aber ich glaube, Sie haben einen Stich.«
Er trat zum Klavier, nahm ein Bild herunter und sagte: »Da!«
Hagedorn erblickte ein mageres, häßliches Fräulein. Es war eine Aufnahme von einem
Kostümfest. Hilde Schulze war als Pierrot verkleidet und lächelte neckisch. Daß sie schielte,
konnte am Fotografen liegen. Aber daß sie krumme Beine hatte, war nicht seine Schuld.
»Allmächtiger!« flüsterte er. »Hier liegt ein Irrtum vor. Verzeihen Sie die Störung!« Er stürzte in
den Korridor, geriet statt auf die Treppe in ein Schlafzimmer, machte kehrt, sah Herrn Schulze
wie einen rächenden Engel nahen, öffnete glücklicherweise die richtige Tür und raste die Treppe
hinunter.
Nach diesem Erlebnis fuhr er mit der Straßenbahn heim. Dreiundzwanzig Schulzes hatte er
absolviert.
Er hatte noch gut fünf Tage zu tun.
Seine Mutter kam ihm aufgeregt entgegen: »Was glaubst du, wer hier war?«
Er wurde lebendig. »Hilde?« fragte er. »Oder Eduard?«
»Ach wo«, entgegnete sie.
»Ich gehe schlafen«, meinte er müde. »Spätestens in drei Tagen nehme ich einen Detektiv.«
»Tu das, mein Junge. Aber heute abend gehen wir aus. Wir sind eingeladen. Ich habe dir ein
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bildschönes Oberhemd besorgt. Und eine Krawatte. Blau und rot gestreift.«
»Vielen Dank«, sagte er und sank auf einen Stuhl. »Wo sind wir denn eingeladen?«
Sie faßte seine Hand. »Bei Geheimrat Tobler.«
Er zuckte zusammen.
»Ist das nicht großartig?« fragte sie eifrig. »Denke dir an! Es klingelte dreimal. Ich gehe hinaus.
Wer steht draußen? Ein Chauffeur in Livree. Er fragt, wann du aus Bruckbeuren zurückkämst?
‚Mein Sohn ist schon da’, sage ich. ‚Er kam heute früh an.’ Er verbeugt sich und sagt:
‚Geheimrat Tobler bittet Sie und Ihren Herrn Sohn, heute abend seine Gäste zu sein. Es handelt
sich um einfaches Abendbrot. Der Herr Geheimrat möchte seinen neuen Mitarbeiter
kennenlernen’. Dann druckste er ein bißchen herum. Endlich meinte er: ‚Kommen Sie, bitte,
nicht in großer Toilette. Der Herr Geheimrat mag das nicht besonders. Ist Ihnen acht Uhr abends
recht?’ Ein reizender Mensch. Er wollte uns im Auto abholen. Ich habe aber gesagt, wir führen
lieber mit der Straßenbahn. Die 176 und die 76 halten ja ganz in der Nähe. Und große Toiletten,
habe ich gesagt, hätten wir sowieso nicht. Da brauchten sie keine Bange zu haben.« Sie sah ihren
Sohn erwartungsvoll an.
»Da müssen wir ja wohl hingehen«, meinte er.
Frau Hagedorn traute ihren Ohren nicht. »Deinen Kummer in allen Ehren, mein Junge«, sagte sie
dann. »Aber du solltest dich wirklich ein bißchen zusammennehmen!« Sie fuhr ihm sanft übers
Haar. »Kopf hoch, Fritz! Heute gehen wir zu Toblers! Ich finde es sehr aufmerksam von dem
Mann. Eigentlich hat er es doch gar nicht nötig, wie? Ein Multimillionär, der einen Konzern
besitzt, sicher hat er tausend Angestellte. Wenn der mit allen Angestellten Abendbrot essen
wollte! Es ist schließlich eine Ehre. Heute erledigen wir das Geschäftliche. Ich ziehe das
Schwarzseidene an. Eine alte Frau braucht nicht modern herumzulaufen. Wenn ich ihm nicht
fein genug bin, kann ich ihm auch nicht helfen.«
»Natürlich, Muttchen«, sagte er.
»Siehst du wohl«, meinte sie. »Zerbrich dir wegen deiner zwei Schulzes nicht den Kopf, mein
Junge! Morgen ist auch noch ein Tag.«
Er lächelte bekümmert. »Und was für ein Tag!« sagte er. Dann ging er aus dem Zimmer.
Das zwanzigste Kapitel
Das dicke Ende
Fritz Hagedorn und seine Mutter folgten dem Diener, der ihnen das Parktor geöffnet hatte.
Zwischen den kahlen Bäumen schimmerten in regelmäßigen Abständen große Kandelaber. Auf
der Freitreppe flüsterte die Mutter: »Du, das ist ja ein Schloß!«
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In der Halle nahm ihnen der Diener die Hüte und die Mäntel ab. Er wollte der alten Dame beim
Ausziehen der Überschuhe behilflich sein. Sie setzte sich, drückte ihm den Schirm in die Hand
und sagte: »Das fehlte gerade noch!«
Sie stiegen ins erste Stockwerk. Er schritt voraus. In einer Treppennische stand ein römischer
Krieger aus Bronze. Mutter Hagedorn deutete hinüber. »Der paßt auf, daß nichts wegkommt.«
Der Diener öffnete eine Tür. Sie traten ein. Die Tür schloß sich geräuschlos. Sie standen in
einem kleinen Biedermeiersalon. Am Fenster saß ein Herr. Jetzt erhob er sich.
»Eduard!« rief Fritz und stürzte auf ihn los. »Gott sei Dank, daß du wieder da bist! Der olle
Tobler hat dich auch eingeladen? Das finde ich ja großartig. Mutter, das ist er! Das ist mein
Freund Schulze. Und das ist meine Mutter.«
Die beiden begrüßten sich. Fritz war aus dem Häuschen. »Ich habe dich wie eine Stecknadel
gesucht. Sag mal, stehst du überhaupt im Adreßbuch? Und weißt
du, wo Hilde wohnt? Schämst du dich denn gar nicht, daß du mich in Bruckbeuren hast
sitzenlassen? Und wieso sind Hilde und Tante Julchen mitgefahren? Und Herr Kesselhuth auch?
Einen schönen Anzug hast du an. Auf Verdacht oder auf Vorschuß, wie?« Der junge Mann
klopfte seinem alten Freund fröhlich auf die Schulter.
Eduard kam nicht zu Worte. Er lächelte unsicher. Sein Konzept war ihm verdorben worden. Fritz
hielt ihn noch immer für Schulze! Es war zum Davonlaufen!
Mutter Hagedorn setzte sich und zog einen Halbschuh aus. »Es gibt anderes Wetter«, sagte sie
erläuternd. »Herr Schulze, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Einen hätten wir also, mein
Junge. Das Fräulein Braut werden wir auch noch finden.«
Es klopfte. Der Diener trat ein. »Fräulein Tobler läßt fragen, ob die gnädige Frau vor dem Essen
ein wenig mit ihr plaudern möchte.«
»Was denn für eine gnädige Frau?« erkundigte sich die alte Dame.
»Wahrscheinlich sind Sie gemeint«, sagte Eduard.
»Das wollen wir aber nicht einführen«, knurrte sie. »Ich bin Frau Hagedorn. Das klingt fein
genug. Na schön, gehen wir plaudern. Schließlich ist das Fräulein die Tochter eures Chefs.« Sie
zog ihren Schuh wieder an, schnitt ein Gesicht, nickte den zwei Männern vergnügt zu und folgte
dem Diener.
»Warum bist du denn schon wieder in Berlin?« fragte Eduard.
»Erlaube mal!« sagte Fritz beleidigt. »Als mir der Türhüter Folter mitteilte, was vorgefallen war,
gab es doch für Hagedorn keinen Halt mehr.«
»Die Casparius ließ mir durch den Direktor zweihundert Mark anbieten, falls ich sofort
verschwände.«
»So ein freches Frauenzimmer«, meinte Fritz. »Sie wollte mich verführen. Das liegt auf der
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