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Kreisen nichts zu schaffen. Statt dessen dürfen Sie sich aber mit Baronen und internationalen
Sportgrößen unterhalten. Richtig, eine Skiausrüstung werden Sie übrigens auch brauchen!«
»Ich kann nicht Skifahren«, entgegnete der Diener.
»Dann werden Sie es lernen.«
Johann sank in sich zusammen. »Darf ich wenigstens manchmal in Ihr Zimmer kommen und
aufräumen?«
»Nein.«
»Ich werde bestimmt nur kommen, wenn niemand auf dem Korridor ist.«
»Vielleicht«, sagte der Geheimrat.
Johann blühte wieder auf.
»Ich bin sprachlos«, sagte die Kunkel.
»Wirklich?« fragte Hilde. »Im Ernst?«
Tobler winkte ab. »Leere Versprechungen!«
»Über fünfzehn Jahre bin ich in diesem Hause«, sagte die Kunkel. »Und es war dauernd etwas
los. Der Herr Geheimrat hat immer schon zuviel Phantasie und zuviel Zeit gehabt. Aber so etwas
ist mir denn doch noch nicht passiert! Herr Geheimrat, Sie sind das älteste Kind, das ich kenne.
Es geht mich nichts an. Aber es regt mich auf. Dabei hat mir der Doktor jede Aufregung
verboten. Was hat es für Sinn, wenn Sie mich ein Jahr ums andere ins Herzbad schicken, und
kaum bin ich zurück, fängt das Theater von vorne an? Ich habe jetzt mindestens hundertzwanzig
Pulsschläge in der Sekunde. Und der Blutdruck steigt mir bis in den Kopf. Das hält kein Pferd
aus. Wenn ich wenigstens die Tabellen einnehmen könnte. Nein, die Tabletten. Aber ich kriege
sie nicht hinunter. Sie sind zu groß. Und im Wasser auflösen darf man sie nicht. Denke ich mir
wenigstens. Weil sie dann nicht wirken.« Sie hielt erschöpft
mne.
»Ich fürchte, Sie sind vom Thema abgekommen«, meinte Hilde.
Der Geheimrat lächelte gutmütig. »Hausdamen, die bellen, beißen nicht«, sagte er.
Das dritte Kapitel
Mutter Hagedorn und Sohn
Am selben Tage, ungefähr zur gleichen Stunde, klopfte Frau Hagedorn in der Mommsenstraße
an die Tür ihres Untermieters Franke. Es ist nicht sehr angenehm, in der eigenen Wohnung an
fremde Türen klopfen zu müssen. Aber es läßt sich nicht immer vermeiden. Am wenigsten, wenn
man eine Witwe mit einem großen Sohn und einer kleinen Rente ist und wenn der große Sohn
keine Anstellung findet.
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»Herein!« rief Herr Franke. Er saß am Tisch und korrigierte Diktathefte. »Saubande!« murmelte
er. Er meinte seine Schüler. »Die Lausejungen scheinen manchmal auf den Ohren zu sitzen, statt
auf...«
»Vorsicht, Vorsicht«, äußerte Frau Hagedorn. »Ich will das nicht gehört haben, was Sie beinahe
gesagt hätten. Wollen Sie eine Tasse Kaffee trinken?«
»Zwei Tassen«, sagte Herr Franke.
»Haben Sie schon die Zeitung gelesen?« Die Apfelbäckchen der alten Dame glühten.
Franke schüttelte den Kopf.
Sie legte eine Zeitung auf den Tisch. »Das Rotangestrichene«, meinte sie stolz.
Als sie mit dem Kaffee zurückkam, sagte der Untermieter: »Ihr Sohn ist ein Mordskerl. Schon
wieder einen ersten Preis! In Bruckbeuren ist es sehr schön. Ich bin auf einer Alpenwanderung
durchgekommen. Wann geht die Reise los?«
»Schon in fünf Tagen. Ich muß rasch ein paar Hemden für ihn waschen. Das ist bestimmt wieder
so ein pompöses Hotel, wo jeder einen Smoking hat. Nur mein Junge muß im blauen Anzug
herumlaufen. Vier Jahre trägt er ihn nun. Er glänzt wie Speckschwarte.«
Der Lehrer schlürfte seinen Kaffee. »Das wievielte Preisausschreiben ist das eigentlich, das der
Herr Doktor gewonnen hat?«
Frau Hagedorn ließ sich langsam in einem ihrer abvermieteten roten Plüschsessel nieder. »Das
siebente! Da war erstens vor drei Jahren die große Mittelmeerreise. Die bekam er für zwei
Zeilen, die sich reimten. Na, und dann die zwei Wochen im Palace Hotel von Château Neuf. Das
war kurz bevor Sie zu uns zogen. Dann die Norddeutsche Seebäderreise. Beim Preisausschreiben
der Verkehrsvereine. Dann die Gratiskur in Pystian. Dabei war der Junge gar nicht krank. Aber
so etwas kann ja nie schaden. Dann der Flug nach Stockholm. Hin und zurück. Und drei Tage
Aufenthalt an den Schären. Im letzten Frühjahr vierzehn Tage Riviera. Wo er Ihnen die Karte
aus Monte Carlo schickte. Und jetzt die Reise nach Bruckbeuren. Die Alpen im Winter, das ist
sicher großartig. Ich freue mich so. Seinetwegen. Für tagsüber hat er ja den Sportanzug. Er muß
wieder einmal auf andere Gedanken kommen. Könnten Sie ihm vielleicht Ihren dicken Pullover
leihen? Sein Mantel ist ein bißchen dünn fürs Hochgebirge.«
Franke nickte. Die alte Frau legte ihre abgearbeiteten Hände, an denen sie die sieben Erfolge
ihres Sohnes hergezählt hatte, in den Schoß und lächelte. »Den Brief mit den Freifahrscheinen
brachte der Postbote heute früh.«
»Es ist eine bodenlose Schweinerei!« knurrte Herr Franke. »Ein so talentierter Mensch findet
keine Anstellung! Man sollte doch tatsächlich ...«
»Vorsicht, Vorsicht!« warnte Frau Hagedorn. »Er ist heute zeitig fort. Ob er's schon weiß? Er
wollte sich wieder einmal irgendwo vorstellen.«
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»Warum ist er denn nicht Lehrer geworden?« fragte Franke. »Dann wäre er jetzt an irgendeinem
Gymnasium, würde Diktathefte korrigieren und hätte sein festes Einkommen.«
»Reklame war schon immer seine Leidenschaft«, sagte sie. »Seine Doktorarbeit handelte auch
davon. Von den psychologischen Gesetzen der Werbewirkung. Nach dem Studium hatte er
mehrere Stellungen. Zuletzt mit achthundert Mark im Monat. Weil er so tüchtig war. Aber die
Firma ging bankrott.« Frau Hagedorn stand auf. »Nun will ich aber endlich die Hemden
einweichen.«
»Und ich werde die Diktate zu Ende korrigieren«, erklärte Herr Franke. »Hoffentlich reicht die
rote Tinte. Mitunter habe ich das dumpfe Gefühl, die Bengels machen nur so viele Fehler, um
mich vor der Zeit ins kühle Grab zu bringen. Morgen halte ich ihnen eine Strafrede, daß sie
denken sollen ...«
»Vorsicht, Vorsicht!« sagte die alte Dame, steckte die Zeitung wieder ein und segelte in die
Küche.
Als Doktor Hagedorn heimkam, dämmerte es bereits. Er war müde und verfroren. »Guten
Abend«, sagte er und gab ihr einen Kuß.
Sie stand am Waschfaß, trocknete rasch die Hände und reichte ihm den Brief der Putzblank-
Werke.
»Bin im Bilde«, sagte er. »Ich las es in der Zeitung. Wie findest du das? Ist das nicht, um aus der
nackten Haut zu fahren? Mit der Anstellung war es übrigens wieder Essig. Der Mann geht erst in
einem halben Jahr nach Brasilien. Und den Nachfolger haben sie auch schon. Einen Neffen vom
Personalchef.« Der junge Mann stellte sich an den Ofen und wärmte die steifen Finger.
»Kopf hoch, mein Junge!« sagte die Mutter. »Jetzt fährst du erst einmal zum Wintersport. Das ist
besser als gar nichts.«
Er zuckte die Achseln. »Ich war am Nachmittag in den Putzblank-Werken draußen. Mit der
Stadtbahn. Der Herr Direktor freute sich außerordentlich, den ersten Preisträger persönlich
kennenzulernen, und beglückwünschte mich zu den markanten Sätzen, die ich für ihr
Waschpulver und ihre Seifenflocken gefunden hätte. Man verspreche sich einen beachtlichen
Werbeerfolg davon. Ein Posten sei leider nicht frei.«
»Und warum warst du überhaupt dort?« fragte die Mutter.
Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ich machte dem Direktor einen Vorschlag. Seine Firma
solle mir statt der Gratisreise eine kleine Barvergütung gewähren.«
Die alte Frau hielt mit Waschen inne.
»Es war das übliche Theater«, fuhr er fort. »Es sei unmöglich. Die Abmachungen seien bindend.
Überdies sei Bruckbeuren ein entzückendes Fleckchen Erde. Besonders im Winter. Er wünsche
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mir viel Vergnügen. Ich träfe dort die beste internationale Gesellschaft und solle ihm eine
Ansichtskarte schicken. Er habe keine Zeit, im Winter zu reisen. Er hänge an der Kette. Und ich
sei zu beneiden.«
»Es war das übliche Theater?« fragte die Mutter. »Du hast das schon öfter gemacht?«
»Ich habe dir nichts davon erzählt«, sagte er. »Du zerbrichst dir wegen deiner paar Groschen den
Hinterkopf! Und ich gondle in einem fort quer über die Landkarte. Gratis und franko nennt man
das! Jawohl, Kuchen! Jedesmal, bevor ich losfahre, wandert die Witwe Hagedorn stehenden
Fußes zur Städtischen Sparkasse und hebt fünfzig Mark ab. Weil sonst der Herr Sohn kein Geld
hat, unterwegs eine Tasse Kaffee oder ein kleines Helles zu bezahlen.«
»Man muß die Feste feiern, wie sie fallen, mein Junge.«
»Nicht arbeiten und nicht verzweifeln«, sagte er. »Eine Variation über ein altes Thema.« Er
machte Licht. »Diese Putzblank-Werke gehören dem Tobler, einem der reichsten Männer, die
der Mond bescheint. Wenn man diesen alten Onkel einmal zu fassen kriegte!«
»Nun weine mal nicht«, meinte die Mutter.
»Oder wenn wenigstens du auf meine Fahrkarte verreisen könntest! Du bist dein Leben lang
nicht über Schildhorn und Werder hinausgekommen.«
»Du lügst wie gedruckt«, sagte die Mutter. »Mit deinem Vater war ich vor dreißig Jahren in
Swinemünde. Und mit dir 1910 im Harz. Als du Keuchhusten hattest. Wegen der
Luftveränderung. Ferner möchte ich dir mitteilen, daß wir noch heute abend ins Kino gehen. Es
läuft ein Hochgebirgsfilm. Wir nehmen zweites Parkett und werden uns einbilden, wir säßen auf
dem Matterhorn.«
»Ich nehme die Einladung dankend an«, entgegnete er. »Und wenn ich jemals König von
England werden sollte, verleihe ich dir den Hosenbandorden. Das soll meine erste Regierungstat
sein. Eventuell erhebe ich dich in den erblichen Adelsstand. Das hängt allerdings davon ab, was
es heute abend zu essen gibt.«
»Sülze mit Bratkartoffeln«, sagte die Mutter.
»Oha!« rief Herr Doktor Hagedorn. »Dann wirst du sogar Herzogin von Cumberland. Das ist
eine alte, gute Familie. Einer ihrer Vorfahren hat die englische Sauce entdeckt.«
»Vielen Dank«, sagte Frau Hagedorn. »Werden Majestät den blauen Anzug mitnehmen?«
»Natürlich«, meinte er. »Es ist einer der glänzendsten Anzüge, die es je gegeben hat.«
Später zog die Mutter, vom Fensterriegel bis zum oberen Türscharnier, eine Leine und hängte
die Oberhemden des siebenfachen Preisträgers zum Trocknen auf. Dann aßen sie, am
Küchentisch, im Schatten der tropfenden Hemden, Sülze mit Bratkartoffeln. Dann brachte die
alte Dame dem Lehrer Franke Tee, Teller und Besteck. Und schließlich gingen Mutter und Sohn
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ins Kino. Es lag in einer verschneiten Seitenstraße und nannte sich großspurig Viktoria-Palast.
»Zweimal Fremdenloge«, verlangte Hagedorn.
»Fremdenloge gibt es leider bei uns nicht«, sagte das Fräulein an der Kasse.
»Wie dumm, wie dumm!« meinte er. »Nein, ist uns das peinlich! Das verändert die Sachlage
gewaltig! Was meinst du, liebe Tante, wollen wir unter diesen Umständen lieber wieder nach
Hause gehen?«
»Ach nein«, sagte die Mutter. »Nun bin ich schon in Berlin zu Besuch. Nun will ich auch etwas
erleben.« Währenddem drückte sie ihm heimlich eine Mark und fünfzig Pfennig in die Hand.
Das Fräulein dachte nach. »Nehmen Sie doch Orchestersitz. «
»Das geht nicht. Wir sind unmusikalisch«, sagte er. »Wissen Sie was, geben Sie zweimal zweites
Parkett!«
»Das ist aber ganz vorn«, sagte das Fräulein.
»Das wollen wir hoffen«, bemerkte die alte Dame hoheitsvoll. »Im Perleberger Stadttheater
sitzen wir auch in der ersten Reihe. Wir nehmen stets die vordersten Plätze.«
»Mein Onkel ist nämlich Feuerwehrhauptmann«, sagte Doktor Hagedorn erklärend und nickte
dem Fräulein zu. »Er kann sich's leisten.« Dann reichte er seiner Mutter den Arm, und sie traten
gemessenen Schritts in den dunklen Zuschauerraum.
Das vierte Kapitel
Gelegenheitskäufe
An den folgenden Tagen ließ sich Geheimrat Tobler wiederholt im Auto nach dem Norden und
Osten Berlins fahren. Er besorgte seine Expeditionsausrüstung. Die Schlipse, es waren Stücke
von prähistorischem Aussehen, erstand er in Tempelhof. Die Hemden kaufte er in der
Landsberger Allee. Drei impertinent gestreifte Flanellhemden waren es. Dazu zwei vergilbte
Makohemden, etliche steife Vorhemdchen, zwei Paar Röllchen und ein Paar vernickelter
Manschettenknöpfe, deren jeder ein vierblättriges Kleeblatt vorstellte.
In der Neuen Königstraße kaufte er — besonders billig, wegen Aufgabe des Geschäfts — eine
Partie Wollsocken. Und in der Münzstraße derbe rindslederne Stiefel. Am Tag der Abreise
erwarb er endlich den Anzug! Das ging hinter dem Schlesischen Bahnhof vor sich. In der
Fruchtstraße. Der Laden lag im Keller. Man mußte sechs Stufen hinunterklettern.
Der Trödler, ein bärtiger Greis, breitete einige seiner Schätze auf dem Ladentisch aus. »So gut
wie nicht getragen«, sagte er unsicher.
Tobler erblickte zunächst einen verwitterten Cutaway aus Marengo und hatte nicht übel Lust, ihn
zu nehmen. Andrerseits war ein Cutaway doch wohl nicht das geeignetste Kostüm für dreißig
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