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Добавлен: 09.04.2021
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»Sie waren das?« fragte der Portier. »Und jetzt lassen Sie Herrn Doktor Hagedorn allein?«
»Wie kann ein einzelner Mensch nur so dämlich sein!« meinte Tante Julchen und schüttelte das
Haupt.
Hilde sagte: »Tantchen, jetzt keine Fachsimpeleien! Guten Tag, die Herren. Ich glaube, Sie
werden lange an den Fehler denken, den Sie heute gemacht haben.« Die beiden Damen stiegen in
Lechners Limousine.
Bald darnach erschienen Schulze und Kesselhuth. Schulze legte einen Brief für Fritz auf den
Portiertisch.
Der Direktor und Onkel Polter verbeugten sich. Sie wurden aber übersehen. Das Auto füllte sich.
Johann hielt die elektrische Heizsonne auf dem Schoß. Die Koffer waren voll gewesen.
Der Lechner Leopold wollte schon anfahren, als Sepp, der Skihallenhüter, angaloppiert kam. Er
gab gutturale Laute der Rührung von sich, ergriff Schulzes Hand und schien entschlossen, sie
abreißen zu wollen.
»Schon gut, Sepp«, sagte Schulze. »Es ist gern geschehen. Sie waren beim Eisbahnkehren sehr
nett zu mir.«
Kesselhuth zeigte auf die kläglichen Reste des getauten Schneemanns. »Der schöne Kasimir ist
hin.«
Schulze lächelte. Er entsann sich jener gestirnten Nacht, in der Kasimir zur Welt gekommen war.
»Schön war's doch«, murmelte er.
Dann fuhr der Wagen davon. Die Schneepfützen spritzten.
Als Hagedorn ins Hotel zurückkam, übergab ihm der Portier zwei Briefe. »Nanu«, sagte Fritz,
setzte sich in die Halle und riß die Kuverts auf.
Das erste Schreiben lautete: »Mein lieber Junge! Ich muß, unerwartet und sofort, nach Berlin
zurück. Es tut mir sehr leid. Auf baldiges Wiedersehen. Herzliche Grüße Dein Freund Eduard.«
Auf dem zweiten Briefbogen stand: »Mein Liebling! Wenn Du diese Zeilen liest, ist Dein
Fräulein Braut durchgegangen. Sie wird es bestimmt nicht wieder tun. Sobald Du sie gefunden
hast, darfst Du sie so lange an den Ohren ziehen, bis diese rechtwinkling abstehen. Vielleicht ist
es kleidsam. Komme, bitte, bald nach Berlin, wo nicht nur meine Ohren auf Dich warten,
sondern auch der Mund Deiner zukünftigen Gattin Hilde Hagedorn.«
Fritz stieß einen gräßlichen Fluch aus und rannte zum Portier hinüber. »Was soll das denn
bedeuten?« fragte er fassungslos. »Schulze ist abgereist! Meine Braut ist abgereist! Und Tante
Julchen?«
»Abgereist«, sagte der Portier.
»Und Herr Kesselhuth?«
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»Abgereist«, flüsterte der Portier.
Hagedorn musterte das Armesündergesicht Onkel Polters. »Hier stimmt doch etwas nicht!
Warum sind die vier fort? Erzählen Sie mir jetzt keine Märchen! Sonst könnte ich heftig
werden!«
Der Portier sagte: »Warum die beiden Damen und Herr Kesselhuth fort sind, weiß ich nicht.«
»Und Herr Schulze?«
»Einige Gäste haben sich beschwert. Herr Schulze störe die Harmonie. Die Direktion bat ihn,
abzureisen. Er trug der Bitte sofort Rechnung. Daß zu guter Letzt vier Personen abfuhren, hatten
wir nicht erwartet.«
»Nur vier?« fragte Doktor Hagedorn. Er trat vor den Fahrplan, der an der Wand hing. »Ich fahre
natürlich auch. In einer Stunde geht mein Zug.« Er rannte zur Treppe. Der Portier war dem
Zusammenbrechen nahe. Er schleppte sich ins Büro, sank dort in einen Stuhl und meldete Karl
dem Kühnen das neueste Unglück.
»Hagedorns Abreise muß verhindert werden!« behauptete der Direktor. »So ein verstimmter
Millionär kann uns derartig in Verruf bringen, daß wir in der nächsten Saison die Bude
zumachen können.«
Sie stiegen ins erste Stockwerk und klopften am Appartement 7. Aber Hagedorn antwortete
nicht. Herr Kühne drückte auf die Klinke. Die Tür war abgeriegelt. Sie hörten es bis auf den
Korridor hinaus, wie im Zimmer Schubkästen aufgezogen und Schranktüren zugeknallt wurden.
»Er packt sehr laut«, sagte der Portier beklommen. Sie gingen traurig in die Halle hinunter und
warteten, daß der junge Mann erschiene.
Er erschien. »Den Koffer bringt der Hausdiener zur Bahn. Ich gehe zu Fuß.«
Die beiden liefen neben ihm her. »Herr Doktor«, flehte Karl der Kühne, »das dürfen Sie uns
nicht antun.«
»Strengen Sie sich nicht unnötig an!« sagte Hagedorn.
An der Tür stieß er mit der Verkäuferin aus dem Blumenladen zusammen. Sie brachte die
Geschenke, die er vor knapp zwei Stunden eingekauft hatte. »Ich habe mich etwas verspätet«,
meinte sie.
»Ein wahres Wort«, sagte er.
»Der Strauß ist dafür besonders schön geworden«, versicherte sie.
Er lachte ärgerlich. »Das Bukett können Sie sich ins Knopfloch stecken! Behalten Sie das
Gemüse!«
Sie staunte, knickste und entfernte sich eilends.
Nun stand Fritz, mit einem Zinnkrug, einer Kiste Zigarren und einem originellen Ohrgehänge,
allein in Bruckbeuren!
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Der Direktor fragte: »Dürfen wir Sie wenigstens bitten, in Ihren Kreisen über den höchst
bedauerlichen Zwischenfall zu schweigen?«
»Der Ruf unseres Hotels steht auf dem Spiele«, bemerkte Onkel Folter ergänzend.
»In meinen Kreisen?« meinte Hagedorn verwundert. Dann lachte er. »Ach richtig! Ich bin Ihnen
noch eine Erklärung schuldig! Sie halten mich ja für einen Millionär, nicht wahr? Damit ist es
allerdings Essig. Vor meinen Kreisen ist Bruckbeuren zeitlebens sicher. Ich war bis gestern
arbeitslos. Da staunen Sie! Irgend jemand hat Sie zum Narren gehalten. Guten Tag, meine
Herren!« Das Portal schloß sich hinter ihm.
»Er ist gar kein Millionär? fragte der Direktor heiser. »Glück muß der Mensch haben, Polter!
Menschenskind, das junge Mädchen hat uns verkohlt? Gott sei Dank! Wir waren bloß die
Dummen? Einfach tierisch!«
Der Portier winkte aufgeregt ab. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn. Es sah aus, als wolle er
einen Ochsen töten. »Grauenhaft! Grauenhaft!« rief er. »Das beste ist, wir bringen uns um!«
»Gern«, erklärte der Direktor, noch immer obenauf. »Aber wozu, bittschön? Es sind einige Gäste
vor der Zeit weggefahren. Und? Ein junges Mädchen hat uns auf den Besen geladen. Das kann
ich verschmerzen.«
»Die Geschichte bricht uns das Genick«, sagte der Portier. »Wir waren komplette Idioten!«
»Na, na«, machte Karl der Kühne. »Sie tun mir unrecht.«
Onkel Folter erhob lehrhaft den Zeigefinger. »Hagedorn war kein Millionär. Aber das junge
Mädchen hat nicht gelogen. Es war ein verkleideter Millionär hier! Oh, das ist furchtbar! Wir
sind erschossen.«
»Nun wird mir's zu bunt!« rief der Direktor nervös. »Drücken Sie sich endlich deutlicher aus!«
»Der verkleidete Millionär wurde von uns vor einer Stunde hinausgeworfen«, sagte der Portier
mit Grabesstimme. »Er hieß Schulze!«
Herr Kühne schwieg.
Der Portier verfiel zusehends. »Und diesen Mann habe ich die Eisbahn kehren lassen! Mit dem
Rucksack mußte er ins Dorf hinunter, weil das Kind der Botenfrau die Masern hatte! Der Heltai
hat ihn auf die Bockleiter geschickt! Oh!«
»Einfach tierisch!« murmelte der Hoteldirektor. »Ich muß mich legen, sonst trifft mich der
Schlag im Stehen.«
Am Nachmittag wurde der bettlägerige Herr Kühne von einem Boy gestört.
»Eine Empfehlung vom Herrn Portier«, sagte der Junge. »Ich soll Ihnen mitteilen, daß Frau
Casparius mit dem Abendzug fährt.«
Der Direktor stöhnte weidwund.
»Sie käme nie wieder nach Bruckbeuren, läßt der Portier sagen. Ach so, und Herr Lenz aus Köln
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reist auch.«
Der Direktor drehte sich ächzend um und biß knirschend ins Kopfkissen.
Das neunzehnte Kapitel
Vielerlei Schulzes
In München hatte Doktor Hagedorn volle sechs Stunden Aufenthalt. Er gab seinen
Vulkanfiberkoffer am Handgepäckschalter ab. Dann ging er über den Stachus, die
Kaufingerstraße entlang, bog links ein und nahm gegenüber der Theatinerkirche Aufstellung.
Damit begann jeder seiner Münchner Besuche. Er liebte diese Kirchenfassade seit der
Studentenzeit.
Heute stand er hier wie die Kuh vorm neuen Tor. Er dachte immerzu an Hilde. An Eduard
natürlich auch. Das Bild der Kirche drang nur bis zur Netzhaut.
Er steckte die Hände in den abgeschabten Mantel, lief in die Stadt zurück, saß, ehe er sich dessen
versah, in einem Münchner Postamt und blätterte im Berliner Adreßbuch. Er studierte die Rubrik
»Schulze«. Neben ihm lagen Notizblock und Bleistift.
Einen Werbefachmann Eduard Schulze gab es nicht. Vielleicht hatte sich Eduard als
»Kaufmann« eingetragen? Hagedorn schrieb sich die einschlägigen Adressen auf. Was
Hildegard anbetraf, war der Fall noch schwieriger. Welchen Vornamen hatte, um alles in der
Welt, sein künftiger Schwiegervater? Und welchen Beruf? Man konnte doch unmöglich zu allen
in Berlin wohnhaften Schulzes laufen und fragen: »Haben Sie erstens eine Tochter, und ist diese
zweitens meine Braut?« Das war ja eine Lebensaufgabe!
Später sah sich Hagedorn ein Filmlustspiel an. So oft er lachte, ärgerte er sich. Glücklicherweise
bot der Film nur wenige Möglichkeiten zum Lachen. Sonst wäre der junge Mann bestimmt
innerlich mit sich zerfallen.
Anschließend aß er in einem Bräu Rostwürstchen mit Kraut. Dann begab er sich zum Bahnhof
zurück und hockte, Paulaner trinkend, im Wartesaal. Er war entschlossen, kühne Einfalle für
künftige Reklamefeldzüge zu finden. Es fiel ihm aber auch nicht das mindeste ein. Immerzu
dachte er an Hilde. Wenn er sie nun nicht fand? Und wenn sie nichts mehr von sich hören ließ?
Was dann?
Der Zug war nur schwach besetzt. Fritz hatte ein Abteil für sich allein. Bis Landshut lief er in
dem Kupee wie in einem Käfig hin und her. Dann legte er sich lang, schlief sofort ein und
träumte wilde Sachen. Einer der Träume spielte auf dem Berliner Einwohnermeldeamt:
An den Türen standen, alphabetisch geordnet, alle möglichen Familiennamen. Vor dem
Türschild »Schnabel bis Schütze« machte Hagedorn halt, klopfte an und trat ein.
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Hinter der Barriere saß der Schneemann Kasimir. Er trug einen Schupohelm und fragte: »Sie
wünschen?« Hierbei strich er sich den Schnurrbart und sah überhaupt sehr streng aus.
»Haben Sie die Schulzes unter sich?« fragte Fritz.
Kasimir sagte: »Alle Schulzen.«
»Wie kommen Sie zu diesem Plural?« fragte Fritz.
»Verfügung des Präsidiums«, meinte Kasimir barsch.
»Verzeihung«, sagte Fritz. »Ich suche ein Fräulein Hildegard Schulze. Wenn sie lacht, kriegt sie
ein Grübchen. Nicht zwei, wie andere Mädchen. Und in ihren Pupillen hat sie goldene
Pünktchen.«
Kasimir blätterte umständlich in etlichen Karteikästen. Dann nickte er. »Die gibt's. Sie hat früher
auf dem Funkturm gewohnt. Dann hat sie sich nach den Alpen abgemeldet.«
»Sie muß aber wieder in Berlin sein«, behauptete Fritz.
»Dem Funkturm ist davon nichts bekannt«, sagte der Schneemann. »Sie scheint überhaupt nicht
zu wohnen. Vielleicht ist sie abgegeben worden. Folgen Sie mir unauffällig!«
Sie stiegen in den Keller. Hier standen in langen Reihen viele Schränke. Kasimir schloß einen
nach dem anderen auf. In jedem Schrank waren vier Fächer. Und in jedem Fach stand ein
Mensch. Das waren die Leute, die polizeilich nicht gemeldet waren, und andere, die total
vergessen hatten, wo sie wohnten. Und schließlich Kinder, die nicht mehr wußten, wie sie
hießen.
»Das ist ja allerhand«, meinte Hagedorn erschrocken.
Die Erwachsenen standen verärgert oder auch versonnen in ihren Fächern. Die Kinder weinten.
Es war ein ausgesprochen trauriger Anblick. In einem Fach stand ein alter Gelehrter, ein
Historiker übrigens; der hielt sich für einen vergessenen Regenschirm und verlangte von
Kasimir, man solle ihn endlich zumachen. Er hatte die Arme ausgebreitet und die Beine
gespreizt. Und er sagte fortwährend: »Es regnet doch gar nicht mehr!«
Fritz schlug die Tür zu.
Sie hatten schon in fast alle Schränke geguckt. Aber Hildegard hatten sie noch immer nicht
gefunden.
Fritz hielt plötzlich die Hand hinters Ohr. »Im letzten Schrank heult ein Fräulein!«
Der Schneemann schloß die Tür auf. In der äußersten Ecke, mit dem Rücken zum Beschauer,
stand ein junges Mädchen und weinte heftig.
Hagedorn stieß einen Freudenschrei aus. Dann sagte er gerührt: »Herr Schneepo, das ist sie.«
»Sie steht verkehrt«, knurrte Kasimir. »Ich sehe kein Grübchen.«
»Hilde!« rief Fritz. »Schau uns, bitte, an! Sonst mußt du hierbleiben.«
Hilde drehte sich um. Das kleine hübsche Gesicht war total verheult.
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