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hinter den Ladentisch, schob sich am Hackblock vorbei, preßte den Hörer krampfhaft ans Ohr
und sagte zu Frau Kuchenbuch: »Hoffentlich verstehe ich ihn deutlich. Er ist so weit weg!«
Dann schwieg sie und lauschte angespannt. Plötzlich erstrahlte ihr Gesicht. Wie ein Festsaal, der
eben noch im Dunkeln lag. »Ja?« rief sie mit heller Stimme. »Hier Hagedorn! Fritz, bist du's?
Hast du dir ein Bein gebrochen? Nein? Das ist recht. Oder einen Arm? Auch nicht? Da bin ich
aber froh, mein Junge. Bist du bestimmt gesund? Wie? Was sagst du? Ich soll ruhig zuhören?
Fritz, benimm dich. So spricht man nicht mit seiner Mutter. Nicht einmal telefonisch. Was
gibt's?«
Sie schwieg ziemlich lange, hörte angespannt zu und tat unvermittelt einen kleinen Luftsprung.
»Junge, Junge! Mach keine Witze! Achthundert Mark im Monat? Hier in Berlin? Das ist aber
schön. Stelle dir vor, du müßtest nach Königsberg oder Köln, und ich säße in der
Mommsenstraße und finge Fliegen. Was soll ich mich? Sprich lauter, Fritz! Es ist jemand im
Laden. Ach so, festhalten soll ich mich!! Gern, mein Junge. Wozu denn? Was hast du dich? Du
hast dich verlobt? Schreck, laß nach! Hildegard Schulze? Kenne ich nicht. Weshalb denn gleich
verloben? Dazu muß man sich doch erst näher kennen. Widersprich nicht. Das weiß ich besser.
Ich war schon verlobt, da warst du noch gar nicht auf der Welt. Wieso willst du das hoffen? Ach
so!«
Sie lachte.
»Na, ich werde das Fräulein mal unter die Lupe nehmen. Wenn sie mir nicht gefällt, erlaube ich's
nicht. Abwarten und Tee trinken. Tee trinken, habe ich gesagt. Lade sie zum Abendessen bei uns
ein! Ist sie verwöhnt? Nein? Dein Glück! Was hast du abgeschickt? Zweihundert Mark? Ich
brauche doch nichts. Also gut. Ich kaufe ein paar Oberhemden und was du sonst noch brauchst.
Müssen wir nicht aufhören, Fritz? Es wird sonst zu teuer. Was ich noch fragen wollte: Reicht die
Wäsche? Habt ihr schönes Wetter? Dort taut es auch? Das ist aber schade. Und grüße das
Mädchen von mir. Nicht vergessen! Und deinen Freund. Du, der heißt doch auch Schulze! Sie ist
wohl seine Tochter? Gar nicht miteinander verwandt? Soso.«
Nun hörte die alte Dame wieder längere Zeit zu. Dann fuhr sie fort: »Also, mein lieber Junge,
auf frohes Wiedersehen! Bleib mir gesund! Komme nicht unter die Straßenbahn. Weiß ich ja. Es
gibt gar keine in eurem Kuhdorf.« Sie lachte. »Mir geht's ausgezeichnet. Und vielen Dank für
den Anruf. Das war sehr lieb von dir. Weißt du schon, ob du günstige Fahrverbindung zum Büro
hast? Weißt du noch nicht? Aha. Wie heißt denn die Firma? Toblerwerke? Die dir den Preis
verliehen haben? Da wird sich aber Herr Franke freuen. Natürlich grüß ich ihn.
Selbstverständlich. So, nun wollen wir hinhängen. Sonst kostet es das Doppelte. Auf
Wiedersehen, mein Junge. Ja. Natürlich. Ja, ja. Ja! Auf Wiedersehen!«
»Das waren aber gute Nachrichten«, meinte Frau Kuchenbuch anerkennend.
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»Achthundert Mark im Monat«, sagte die alte Dame. »Und vorher jahrelang keinen Pfennig!«
»Achthundert Mark und eine Braut!«
Frau Hagedorn nickte. »Ein bißchen viel aufs Mal, wie? Aber dazu sind die Kinder ja schließlich
da, daß sie später Eltern werden.«
»Und wir Großeltern.«
»Das wollen wir stark hoffen«, meinte die alte Dame. Sie musterte den Ladentisch.
»Geben Sie mir, bitte, ein Viertelpfund Hochrippe. Und ein paar Knochen extra. Und ein Achtel
gekochten Schinken. Der Tag muß gefeiert werden.«
Fritz war früh auf der Bank gewesen und hatte den Scheck eingelöst. Dann hatte er im Postamt
das Telefongespräch mit Berlin angemeldet und, während er auf die Verbindung wartete, für
seine Mutter zweihundert Mark eingezahlt.
Jetzt, nach dem Gespräch, bummelte er guter Laune durch den kleinen altertümlichen Ort und
machte Einkäufe. Das ist, wenn man jahrelang jeden Pfennig zehnmal hat umdrehen müssen, ein
ergreifendes Vergnügen. Jahrelang hat man die Zähne zusammengebissen. Und nun das Glück
wie der Blitz eingeschlagen hat, möchte man am liebsten heulen. Na, Schwamm drüber!
Für Herrn Kesselhuth, seinen Gönner, besorgte Doktor Hagedorn eine Kiste kostbarer
Havannazigarren. Für Eduard kaufte er in einem kleinen Antiquitätengeschäft einen alten
Zinnkrug. Für Hilde erstand er ein seltsames traubenförmiges Ohrgehänge. Es war aus Jade,
mattem Gold und Halbedelsteinen. Im Blumenladen bestellte er schließlich für Tante Julchen
einen imposanten Strauß und bat die Verkäuferin, die Geschenke ins Hotel zu schicken.
Sich selber schenkte er nichts.
Anderthalb Stunden war er im Ort. Als er zurückkam, lag Kasimir, der unvergleichliche
Schneemann, in den letzten Zügen. Der Konfitüreneimer, Kasimirs Helm, saß auf den Schultern.
Augen, Nase, Mund und Schnurrbart waren dem geliebten Husaren auf die Heldenbrust
gerutscht. Aber noch stand er aufrecht. Er starb im Stehen, wie es sich für einen Soldaten
geziemt.
»Fahr wohl, teurer Kasimir!« sagte Hagedorn. »Ohne Kopf kann keiner aus dem Fenster
gucken.« Dann betrat er das Grandhotel. Hier war inzwischen mancherlei geschehen.
Das Unheil hatte harmloserweise damit begonnen, daß Geheimrat Tobler, seine Tochter, die
Kunkel und Johann frühstückten.
Sie saßen im Verandasaal, aßen Brötchen und sprachen über das Tauwetter. »Wenn wir einen
Wagen mithätten«, sagte Hilde, »könnten wir nach München fahren.«
»Du darfst nicht vergessen, daß ich ein armer Mann bin«, meinte ihr Vater. »Wir werden eine
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Stunde kegelschieben. Das beruhigt die Nerven. Wo steckt übrigens mein Schwiegersohn?«
»Auf der Bank und auf der Post«, berichtete Hilde. »Wie haben Sie geschlafen, Kunkel?«
»Miserabel«, sagte Tante Julchen. »Ich habe entsetzlich geträumt. Das hätten Sie aber auch nicht
mit mir machen dürfen!«
»Was denn?« fragte Johann.
»Als Doktor Hagedorn erzählte, daß ihn die Toblerwerke engagiert hätten, ihn und den Herrn
Schulze dazu, und der Hühnerknochen war so spitz, ich habe oben im Zimmer Tafelöl getrunken,
es war abscheulich.«
»Wenn wir wieder einmal eine Überraschung für Sie haben«, sagte Johann, »kriegen Sie
Haferflocken.«
»Das hat alles keinen Zweck«, erklärte der Geheimrat. »Dann verschluckt sie den Löffel.«
»Den Löffel legen wir vorher an die Kette«, meinte Hilde.
Frau Kunkel war wieder einmal gekränkt.
Aber viel Zeit blieb ihr nicht dazu. Denn der Portier und der Direktor Kühne traten feierlich in
den Saal und näherten sich dem Tisch.
»Die beiden sehen wie Sekundanten aus, die eine Duellforderung überbringen«, behauptete der
Geheimrat.
Johann konnte eben noch »Dicke Luft!« murmeln.
Da machte Karl der Kühne schon seine Verbeugung und sagte: »Herr Schulze, wir möchten Sie
eine Minute sprechen.«
Schulze meinte: »Eine Minute? Meinetwegen.«
»Wir erwarten Sie nebenan im Schreibzimmer«, erklärte der Portier.
»Da können Sie lange warten«, behauptete Schulze.
Hilde sah auf ihre Armbanduhr. »Die Minute ist gleich um.«
Herr Kühne und Onkel Folter wechselten Blicke. Dann gestand der Direktor, daß es sich um eine
delikate Angelegenheit handle.
»Das trifft sich großartig«, sagte Tante Julchen. »Für so etwas schwärme ich. Hildegard, halte dir
die Ohren zu!«
»Wie Sie wünschen«, meinte der Direktor. »Ich wollte Herrn Schulze die Gegenwart von Zeugen
ersparen. Kurz und gut, die Hotelbetriebsgesellschaft, deren hiesiger Direktor ich bin, ersucht
Sie, unser Haus zu verlassen. Einige unserer Stammgäste haben Anstoß genommen. Seit gestern
haben sich die Beschwerden gehäuft. Ein Gast, der begreiflicherweise nicht genannt sein will,
hat eine beträchtliche Summe ausgeworfen. Wieviel war es?«
»Zweihundert Mark«, sagte Onkel Folter gütig.
»Diese zweihundert Mark«, meinte der Direktor, »werden Ihnen ausgehändigt, sobald Sie das
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Feld räumen. Ich nehme an, daß Ihnen das Geld nicht ungelegen kommt.«
»Warum wirft man mich eigentlich hinaus?« fragte Schulze. Er war um einen Schein blässer
geworden. Das Erlebnis ging ihm nahe.
»Von Hinauswerfen kann keine Rede sein«, sagte Herr Kühne.»Wir ersuchen Sie, wir bitten Sie,
wenn Sie so wollen. Uns liegt daran, die anderen Gäste zufriedenzustellen.«
»Ich bin ein Schandfleck, wie?« fragte Schulze.
»Ein Mißton«, erwiderte der Portier.
Geheimrat Tobler, einer der reichsten Männer Europas, meinte ergriffen: »Armut ist also doch
eine Schande.«
Aber Onkel Folter zerstörte die Illusion. »Sie verstehen das Ganze falsch«, erklärte er. »Wenn
ein Millionär mit drei Schrankkoffern ins Armenhaus zöge und dort dauernd im Frack
herumliefe, wäre Reichtum eine Schande! Es kommt auf den Standpunkt an.«
»Alles zu seiner Zeit und am rechten Ort«, behauptete Herr Kühne.
»Und Sie sind nicht am rechten Ort«, sagte Onkel Polter.
Da erhob sich Tante Julchen, trat dicht an Onkel Folter heran, wedelte unmißverständlich mit der
rechten Hand und meinte: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst knallt's!«
»Lassen Sie den Portier in Ruhe!« befahl Schulze. Er stand auf. »Also gut. Ich reise. Herr
Kesselhuth, würden Sie die Güte haben und ein Leihauto bestellen? In zwanzig Minuten fahre
ich.«
»Ich komme natürlich mit«, sagte Herr Kesselhuth. »Portier, meine Rechnung. Aber ein bißchen
plötzlich!« Er verschwand im Laufschritt.
»Mein Herr!« rief der Direktor hinterher. »Warum wollen Sie uns denn verlassen?«
Tante Julchen lachte böse. »Sie sind ja wirklich das Dümmste, was 'raus ist! Hoffentlich hebt
sich das mit der Zeit. Für meine Nichte und mich die Rechnung! Aber ein bißchen plötzlich!«
Sie rauschte davon und stolperte über die Schwelle.
Der Direktor murmelte: »Einfach tierisch!«
»Wo sind die zweihundert Mark?« fragte Herr Schulze streng.
»Sofort«, murmelte der Portier, holte die Brieftasche heraus und legte zwei Scheine auf den
Tisch.
Schulze nahm das Geld, winkte dem Ober, der an der Tür stand, und gab ihm die zweihundert
Mark. »Die Hälfte davon bekommt der Sepp, mit dem ich die Eisbahn gekehrt habe«, sagte er.
»Werden Sie das nicht vergessen?«
Der Kellner hatte die Sprache verloren. Er schüttelte nur den Kopf.
»Dann ist's gut«, meinte Schulze. Er sah den Direktor und den Portier kalt an. »Entfernen Sie
sich!«
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Die beiden folgten wie die Schulkinder. Geheimrat Tobler und Hilde waren allein.
»Und was wird mit Fritz?« fragte Fräulein Tobler.
Ihr Vater blickte den entschwindenden Gestalten nach. Er sagte: »Morgen kaufe ich das Hotel.
Übermorgen fliegen die beiden hinaus.«
»Und was wird mit Fritz?« fragte Hilde weinerlich.
»Das erledigen wir in Berlin«, erklärte der Geheimrat. »Glaub mir, es ist die beste Lösung.
Sollen wir ihm in dieser unmöglichen Situation erzählen, wer wir eigentlich sind?«
Zwanzig Minuten später fuhr eine große Limousine vor. Sie gehörte dem Lechner Leopold,
einem Fuhrhalter aus Bruckbeuren, und er saß persönlich am Steuer. Die Hausdiener brachten
aus dem Nebeneingang des Hotels mehrere Koffer und schnallten sie auf dem Klapprost des
Wagens fest.
Der Direktor und der Portier standen vor dem Portal und waren sich nicht im klaren.
»Einfach tierisch«, sagte Herr Kühne. »Der Mann schmeißt zweihundert Mark zum Fenster
hinaus. Er läßt seine Freifahrkarte verfallen und fährt im Auto nach München. Drei Gäste, die er
erst seit ein paar Tagen kennt, schließen sich an. Ich fürchte, wir haben uns da eine sehr heiße
Suppe eingebrockt.«
»Und das alles wegen dieser mannstollen Casparius!« meinte Onkel Polter. »Sie will den
Schulze doch nur forthaben, damit sie besser an den kleinen Millionär herankann.«
»Ja, warum haben Sie mir denn das nicht früher mitgeteilt?« fragte Karl der Kühne empört.
Der Portier dachte an die dreihundert Mark, die er bei der Transaktion eingesteckt hatte, und
steckte den Vorwurf dazu.
Dann kamen Tante Julchen und ihre Nichte. Sie waren mit Hutschachteln, Schirmen und
Taschen beladen. Der Direktor wollte ihnen beispringen. »Lassen Sie die Finger davon!« befahl
die Tante. »Ich war nur zwei Tage hier. Aber mir hat's genügt. Ich werde Sie, wo ich kann,
weiterempfehlen.«
»Ich bin untröstlich«, erklärte Herr Kühne.
»Mein Beileid«, sagte die Tante.
Der Portier fragte: »Meine Damen, warum verlassen Sie uns denn so plötzlich?«
»Er kommt aus dem Mustopf«, meinte Tante Julchen.
»Hier ist ein Brief für Doktor Hagedorn«, sagte Hilde. Onkel Polter nahm ihn ehrfürchtig in
Empfang. Das junge Mädchen wandte sich an den Direktor. »Ehe ich's vergesse: wir haben vor
sechs Tagen miteinander telefoniert.«
»Nicht daß ich wüßte, gnädiges Fräulein!«
»Ich bereitete Sie damals auf einen verkleideten Millionär vor.«
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