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Добавлен: 09.04.2021

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wir bald Großvater.«

Nach längerem Suchen fand Hagedorn die Zimmer von Tante Julchen und deren Nichte.

»Das gnädige Fräulein hat einundachtzig«, sagte das Stubenmädchen und knickste.

Er klopfte.

Er hörte Schritte. »Was gibt's?«

»Ich muß Sie dringend etwas fragen«, sagte er gepreßt.

»Das geht nicht«, antwortete Hildes Stimme. »Ich bin beim Umziehen.«

»Dann spielen wir drei Fragen hinter der Tür«, meinte er.

»Also, schießen Sie los, Herr Doktor!« Sie legte ein Ohr an die Türfüllung, aber sie vernahm nur 

das laute, aufgeregte Klopfen ihres Herzens. »Wie lautet die erste Frage?«

»Genau wie die zweite«, sagte er.

»Und wie ist die zweite Frage?« 

»Genau wie die dritte«, sagte er. 

»Und wie heißt die dritte Frage?«

Er räusperte sich. »Haben Sie schon einen Bräutigam, Hilde?«

Sie schwieg lange. Er schloß die Augen. Dann hörte er, es schien eine Ewigkeit vergangen zu 

sein, die drei Worte: »Noch nicht, Fritz.«

»Hurra!« rief er, daß es im Korridor widerhallte. Dann rannte er davon.

Die Tür des Nebenzimmers öffnete sich vorsichtig. Tante Julchen spähte aus dem Spalt und 

murmelte: »Diese jungen Leute! Wie im Frieden!«

Das sechzehnte Kapitel 

Auf dem Wolkenstein

Frau Kunkel hatte sich hinsichtlich ihrer Trinkfestigkeit geirrt. Vielleicht vertrug sie nichts, weil 

sie seit der Hochzeit ihrer Schwester, Anno 1905, aus der Übung gekommen war. Tatsache ist, 

daß sie am Tage nach ihrer Ankunft in Bruckbeuren mit einem katastrophalen Ölkopf aufwachte. 

Sie konnte sich an nichts mehr erinnern, und ihr Frühstück bestand aus Pyramidon.

»Wie war das eigentlich gestern nacht?« fragte sie. »Habe ich sehr viel Blödsinn geredet?«

»Das wäre nicht so schlimm gewesen«, meinte Hilde. »Aber Sie begannen die Wahrheit zu 

sagen! Deswegen mußte ich ununterbrochen mit Doktor Hagedorn tanzen.«

»Sie Ärmste!«

»Das nun wieder nicht. Aber meine weißen Halbschuhe drückten entsetzlich. Und das durfte ich 

mir nicht anmerken lassen. Sonst hätte er nicht mehr tanzen wollen, und dann wären sämtliche 

Geheimnisse, die wir vor ihm haben, herausgekommen.«

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»Eines Tages wird er sie ja doch erfahren müssen!«

»Gewiß, meine Dame. Aber weder am ersten Abend, noch von meiner angetrunkenen Tante, die 

gar nicht meine Tante ist.«

Frau Kunkel rümpfte die Stirn. Sie fühlte sich beleidigt. »Und was geschah dann?« fragte sie 

unwillig.

»Dann hat Johann Sie ins Bett gebracht.«

»Um des Himmels willen!« rief Tante Julchen. »Das hat mir noch gefehlt!«

»Das hat Johann auch gesagt. Aber es mußte sein. Sie forderten nämlich einen Herrn nach dem 

anderen zum Tanzen auf. Erst tanzten Sie mit Herrn Spalteholz, einem Fabrikanten aus Gleiwitz; 

dann mit Mister Sullivan, einem englischen Kolonialoffizier; dann mit Herrn Lenz, einem 

Kunsthändler aus Köln; schließlich machten Sie sogar vor dem Oberkellner einen Knicks, und da 

fanden wir's an der Zeit, Sie zu beseitigen.«

Frau Kunkel sah puterrot aus. »Habe ich schlecht getanzt?« fragte sie leise.

»Im Gegenteil. Sie haben die Herren mit Bravour herumgeschwenkt. Man war von Ihnen 

begeistert.«

Die alte, dicke Dame atmete auf. »Und hat sich der Doktor erklärt?«

»Wollen Sie sich deutlicher ausdrücken?« fragte Hilde.

»Hat er die vierte Frage hinter der Tür gestellt?«

»Ach so! Sie haben gestern nachmittag gehorcht! Nein, die vierte Frage hat er nicht gestellt.«

»Warum denn nicht?«

»Vielleicht war keine Tür da«, meinte Fräulein Tobler. »Außerdem waren wir ja nie allein.«

Frau Kunkel sagte: »Ich verstehe Sie ja nicht ganz, Fräulein Hilde.«

»Meines Wissens verlangt das auch kein Mensch.«

»So ein arbeitsloser Doktor, das ist doch kein Mann für Sie. Wenn ich bedenke, was für Partien 

Sie machen könnten!«

»Werden Sie jetzt nicht ulkig!« sagte Hilde. »Partien machen! Wenn ich das schon höre! Eine 

Ehe ist doch kein Ausflug!« Sie stand auf, zog die Norwegerjacke an und ging zur Tür. 

»Kommen Sie! Sie sollen Ihren Willen haben. Wir werden eine Partie machen!«

Tante Julchen schusselte hinterher. Auf der Treppe mußte sie umkehren, weil sie die Tasche 

vergessen hatte. Als sie in der Halle eintraf, standen die andern schon vor der Hoteltür und 

warfen nach dem schönen Kasimir mit Schneebällen.

Sie trat ins Freie und fragte: »Wo soll denn die Reise hingehen?«

Herr Schulze zeigte auf die Berge. Und Hagedorn rief: »Auf den Wolkenstein!«

Tante Julchen schauderte. »Gehen Sie immer voraus!« bat sie. »Ich komme gleich nach. Ich habe 

die Handschuhe vergessen.«

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Herr Kesselhuth lächelte schadenfroh und sagte: »Bleiben Sie nur hier. Ich borge Ihnen meine.«

Als Frau Kunkel die Talstation der Drahtseilbahn erblickte, riß sie sich los. Die Männer mußten 

sie wieder einfangen. Sie strampelte und jammerte, als man sie in den Wagen schob. Es war, als 

würde Vieh verladen. Die andern Fahrgäste lachten sie aus.

»Dort hinauf soll ich?« rief sie. »Wenn nun das Seil reißt?«

»Dieserhalb sind zwei Reserveseile da«, meinte der Schaffner.

»Und wenn die Reserveseile reißen?«

»Dann steigen wir auf freier Strecke aus«, behauptete Hagedorn.

Sie randalierte weiter, bis Hilde sagte: »Liebe Tante, willst du denn, daß wir andern ohne dich 

abstürzen?«

Frau Kunkel verstummte augenblicklich, blickte ihre Nichte und Herrn Schulze treuherzig an 

und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie sanft wie ein Lamm, »dann will ich auch nicht 

weiterleben.«

Der Wagen hob sich und glitt aus der Halle. Während der ersten zehn Minuten hielt Tante 

Julchen die Augen fest zugekniffen. Jedesmal, wenn man, schaukelnd und schwankend, einen 

der Pfeiler passierte, bewegte sie lautlos die Lippen.

Die Hälfte der Strecke war ungefähr vorüber. Sie hob vorsichtig die Lider und blinzelte durchs 

Fenster. Man schwebte gerade hoch über einem mit Felszacken, Eissäulen und erstarrten 

Sturzbächen reichhaltig ausgestatteten Abgrund. Die andern Fahrgäste schauten andächtig in die 

grandiose Tiefe. Tante Julchen stöhnte auf, und ihre Zähne schlugen gegeneinander.

»Sind Sie aber ein Angsthase!« meinte Schulze ärgerlich.

Sie war empört. »Ich kann Angst haben, so viel ich will! Warum soll ich denn mutig sein? Wie 

komme ich dazu? Mut ist Geschmackssache. Habe ich recht, meine Herrschaften? Wenn ich 

General wäre, meinetwegen! Das ist etwas anderes. Aber so? Als meine Schwester und ich noch 

Kinder waren — meine Schwester ist in Halle an der Saale verheiratet, recht gut sogar, mit 

einem Oberpostinspektor, Kinder haben sie auch, zwei Stück, die sind nun auch schon lange aus 

der Schule, was wollte ich eigentlich sagen? Richtig, ich weiß schon wieder — damals waren wir 

in den großen Ferien auf einem Gut — es gehörte einem entfernten Onkel von unserem Vater, 

eigentlich waren sie nur Jugendfreunde und gar nicht verwandt, aber wir Mädchen nannten ihn 

Onkel, später mußte er das Gut verkaufen, denn die Landwirte haben es sehr schwer, aber das 

wissen Sie ja alle, vielleicht ist er auch schon tot, wahrscheinlich sogar, denn ich bin heute — 

natürlich muß er tot sein, denn hundertzwanzig Jahre alt wird doch kein Mensch, es gibt 

natürlich Ausnahmen, vor allem in der Türkei, habe ich gelesen. Oh, mein Kopf! Ich hätte 

gestern nacht nicht so viel trinken sollen, ich bin es nicht gewöhnt, außerdem habe ich fremde 

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Herren zum Tanz engagiert. Sie können mich totschlagen, ich habe keine Ahnung mehr, es ist 

schauderhaft, was einem in so einem Zustande alles passieren kann ...«

Bums! Die Drahtseilbahn hielt. Man war an der Gipfelstation angelangt. Die Fahrgäste stiegen 

laut lachend aus.

»Die alte Frau hat den Höhenrausch«, sagte ein Skifahrer.

»Ach wo«, antwortete ein anderer. »Sie ist noch von gestern abend besoffen!«

Tante Julchen und die beiden älteren Herren machten es sich in den Liegestühlen bequem.

»Willst du nicht erst das Panorama bewundern, liebe Tante?« fragte Hilde. Sie stand neben 

Hagedorn an der Brüstung und blickte in die Runde.

»Laßt mich mit euren Bergen zufrieden!« knurrte die Tante, faltete die Hände überm Kostüm 

Jackett und sagte: »Ich liege gut.«

»Ich glaube, wir stören«, flüsterte Hagedorn.

Schulze hatte scharfe Ohren. »Macht, daß ihr fortkommt!« befahl er. »Aber in einer Stunde seid 

ihr zurück, sonst raucht's! Kehrt, marsch!« Dann fiel ihm noch etwas ein. »Fritz! Vergiß nicht, 

daß ich Mutterstelle an dir vertrete!«

»Mein Gedächtnis hat seit gestern sehr gelitten«, erklärte der junge Mann. Dann folgte er Hilde. 

Doch er wurde noch einmal aufgehalten. Aus einem Liegestuhl streckte sich ihm eine 

Frauenhand entgegen. Es war die Mallebré. »Servus, Herr Doktor!« sagte sie und ließ hierbei 

ihre schöne Altstimme vibrieren. Sie sah resigniert in seine Augen. »Darf ich Sie mit meinem 

Mann bekannt machen? Er kam heute morgen an.«

»Welch freudige Überraschung!« meinte Hagedorn und begrüßte einen eleganten Herrn mit 

schwarzem Schnurrbart und müdem Blick.

»Ich habe schon von Ihnen gehört«, sagte Herr von Mallebré. »Sie sind der Gesprächsstoff dieser 

Saison. Meine Verehrung!«

Hagedorn verabschiedete sich rasch und folgte Hilde, die am Fuß der Holztreppe im Schnee 

stand und wartete. »Schon wieder eine Anbeterin?« fragte sie.

Er zuckte die Achseln. »Sie wollte von mir gerettet werden«, berichtete er. »Sie leidet an 

chronischer Anpassungsfähigkeit. Da ihre letzten Liebhaber mehr oder weniger oberflächlicher 

Natur waren, entschloß sie sich, die Verwahrlosung ihres reichen Innenlebens befürchtend, zu 

einer Radikalkur. Sie wollte sich an einem wertvollen Menschen emporranken. Der wertvolle 

Mensch sollte ich sein. Aber nun ist ja der Gatte eingetroffen!«

Sie kreuzten den Weg, der zur Station hinunterführte. Der nächste Wagen war eben 

angekommen. Allen Fahrgästen voran kletterte Frau Casparius ins Freie.

Dann steckte sie burschikos die Hände in die Hosentaschen und stiefelte eifrig zum Hotel empor. 

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Hinter ihr, mit zwei Paar Schneeschuhen bewaffnet, ächzte Lenz aus Köln.

Die blonde Bremerin erblickte Hagedorn und Hilde, kriegte böse Augen und rief: »Hallo, 

Doktor! Was machen Ihre kleinen Katzen? Grüßen Sie sie von mir!« Sie verschwand mit 

Riesenschritten im Hotel.

Hildegard ging schweigend neben Fritz her. Erst als sie, nach einer Wegbiegung, allein waren, 

fragte sie: »Wollte diese impertinente Person ebenfalls gerettet werden?«

Hagedorns Herz hüpfte. »Sie ist schon eifersüchtig«, dachte er gerührt. Dann sagte er: »Nein. Sie 

hatte andere Pläne. Sie erklärte, daß wir jung, blühend und gesund seien. So etwas verpflichte. 

Platonische Vorreden seien auf ein Mindestmaß zu beschränken.«

»Und was wollte sie mit Ihren Katzen?«

»Vor einigen Tagen klopfte es an meiner Tür. Ich rief ‚Herein!’, weil ich dachte, es sei Eduard. 

Es war aber Frau Casparius. Sie legte sich auf den kostbaren Perserteppich und spielte mit den 

Kätzchen. Später kam dann Eduard, und da ging sie wieder. Sie heißt Hortense.«

»Das ist ja allerhand«, meinte Hildegard. »Ich glaube, Herr Doktor, auf Sie müßte jemand 

aufpassen. Sie machen sonst zuviel Dummheiten.«

Er nickte verzweifelt. »So geht es auf keinen Fall weiter. Das heißt: Eduard paßt ja auf mich 

auf.«

»Eduard?« fragte sie höhnisch. »Eduard ist nicht streng genug. Außerdem ist das keine Aufgabe 

für einen Mann!«

»Wie recht Sie haben!« rief er. »Aber wer soll es sonst tun?«

»Versuchen Sie's doch einmal mit einem Inserat«, schlug sie vor. »Kinderfrau gesucht!«

»Kinderfräulein«, verbesserte er gewissenhaft. »Kost und Logis gratis. Liebevolle Behandlung 

zugesichert.«

»Jawohl!« sagte sie zornig. »Mindestens sechzig Jahre alt! Besitz eines Waffenscheins 

Vorbedingung!« Sie verließ den Weg und stolperte, vor sich hinschimpfend, über ein 

blütenweißes Schneefeld.

Er hatte Mühe, einigermaßen Schritt zu halten.

Einmal drehte sie sich um. »Lachen Sie nicht!« rief sie außer sich. »Sie Wüstling!« Dann rannte 

sie gehetzt weiter.

»Wollen Sie gleich stehenbleiben!« befahl er.

In demselben Augenblick brach sie im Schnee ein. Sie versank bis an die Hüften. Erst machte sie 

ein erschrockenes Gesicht. Dann begann sie wild zu strampeln. Aber sie glitt immer tiefer in den 

Schnee. Es sah aus, als gehe sie unter.

Hagedorn eilte zu Hilfe. »Fassen Sie meine Hand an!« sagte er besorgt. »Ich ziehe Sie heraus.«

Sie schüttelte den Kopf. »Unterstehen Sie sich! Ich bin keine von denen, die sich retten lassen.« 

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