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Das sechste Kapitel 

Zwei Mißverständnisse

Der Münchner Abendschnellzug hielt in Bruckbeuren. Zirka dreißig Personen stiegen aus und 

versanken, völlig überrascht, bis an die Knie in Neuschnee. Sie lachten. Aus dem Gepäckwagen 

wurden Schrankkoffer gekippt. Der Zug fuhr weiter. Dienstleute, Hotelchauffeure und 

Hausburschen übernahmen das Gepäck und schleppten es auf den Bahnhofsplatz hinaus. Die 

Ankömmlinge stapften hinterher und kletterten vergnügt in die wartenden Autobusse und 

Pferdeschlitten.

Herr Johann Kesselhuth aus Berlin blickte besorgt zu einem ärmlich gekleideten älteren Mann 

hinüber, der einsam im tiefen Schnee stand und einen lädierten Spankorb trug.

»Wollen Sie ins Grandhotel?« fragte ein Chauffeur.

Zögernd stieg Herr Kesselhuth in den Autobus. Hupen und Peitschen erklangen. Dann lag der 

Bahnhofsplatz wieder leer.

Nur der arme Mann stand auf dem alten Fleck. Er blickte zum Himmel hinauf, lächelte kindlich 

den glitzernden Sternen zu, holte tief Atem, hob den Spankorb auf die linke Schulter und 

marschierte die Dorfstraße entlang. Es gab weder Fußsteig noch Fahrweg, es gab nichts als 

Schnee. Zunächst versuchte der arme Mann in den breiten glatten Reifenspuren der Autobusse 

zu laufen. Doch er rutschte aus. Dann steckte er den rechten Fuß in eine Schneewehe — 

vorsichtig, als steige er in ein womöglich zu heißes Bad — und stiefelte nun, zum Äußersten 

entschlossen, vorwärts. Hierbei pfiff er.

Die Straßenlaternen trugen hohe weiße Schneemützen. Die Gartenzäune waren zugeweht. Auf 

den verschneiten Dächern der niedrigen Gebirgshäuser lagen große Steine. Herr Schulze glaubte 

die Berge zu spüren, die ringsum unsichtbar in der Dunkelheit lagen.

Er pfiff übrigens ‚Der Mai ist gekommen’.

Der Autobus bremste und stand still. Etliche Hausdiener bugsierten die Koffer vom Verdeck. Ein 

Liftboy öffnete einen Türflügel und salutierte. Die späten Gäste betraten das Hotel. Onkel Polter 

und der Direktor verbeugten sich und sagten: »Herzlich willkommen!« Die Halle war von 

Neugierigen erfüllt. Sie warteten auf das Abendessen und auf den Sonderling und boten einen 

festlichen Anblick.

Ein sächsisches Ehepaar, Chemnitzer Wirkwaren, und eine rassige Dame aus Polen wurden, da 

sie ihre Zimmer vorausbestellt hatten, sofort vom Empfangschef zum Fahrstuhl geleitet. Herr 

Johann Kesselhuth und ein junger Mann mit einem schäbigen Koffer und einem traurigen 

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Herbstmäntelchen blieben übrig. Kesselhuth wollte dem jungen Mann den Vortritt lassen.

»Unter gar keinen Umständen«, sagte der junge Mann. »Ich habe Zeit.«

Herr Kesselhuth dankte und wandte sich dann an den Portier. »Ich möchte ein schönes sonniges 

Zimmer haben. Mit Bad und Balkon.«

Der Direktor meinte, die Auswahl sei nicht mehr allzu groß. Onkel Polter studierte den 

Hotelplan und glich einem leberkranken Strategen. 

»Der Preis spielt keine Rolle«, erklärte Herr Kesselhuth. Dann wurde er rot.

Der Portier überhörte die Bemerkung. »Zimmer 31 ist noch frei. Es wird Ihnen bestimmt 

gefallen. Wollen Sie, bitte, das Anmeldeformular ausfüllen?«

Herr Kesselhuth nahm den dargebotenen Tintenstift, stützte sich auf die Theke und notierte 

voller Sorgfalt seine Personalien.

Nun hefteten sich die Blicke aller übrigen endgültig auf den jungen Mann und prüften seinen 

trübseligen Mantel. Karl der Kühne hüstelte vor Aufregung.

»Womit können wir Ihnen dienen?« fragte der Direktor.

Der junge Mann zuckte die Achseln, lächelte unentschlossen und sagte: »Tja, mit mir ist das so 

eine Sache. Ich heiße Hagedorn und habe den ersten Preis der Putzblank-Werke gewonnen. 

Hoffentlich wissen Sie Bescheid.«

Der Direktor verbeugte sich erneut. »Wir wissen Bescheid«, sagte er beziehungsvoll. »Herzlich 

willkommen unter unserm Dach! Es wird uns eine Ehre sein, Ihnen den Aufenthalt so angenehm 

wie möglich zu machen.«

Hagedorn stutzte. Er sah sich um und merkte, daß ihn die abendlich gekleideten Gäste neugierig 

anstarrten. Auch Herr Kesselhuth hatte den Kopf gehoben.

»Welches Zimmer war doch gleich für Herrn Hagedorn vorgesehen?« fragte Kühne.

»Ich denke, wir geben ihm das Appartement 7«, sagte der Portier.

Der Direktor nickte. Der Hausdiener ergriff Hagedorns Koffer und fragte: »Wo ist das große 

Gepäck des Herrn?«

»Nirgends«, erwiderte der junge Mann. »Was es so alles gibt!«

Der Portier und der Direktor lächelten lieblich. »Sie werden sich jetzt gewiß vom Reisestaub 

reinigen wollen«, sagte Karl der Kühne. »Dürfen wir Sie nachher zum Abendessen erwarten? Es 

gibt Nudeln mit Rindfleisch.«

»Das allein wäre kein Hinderungsgrund«, sagte der junge Mann. »Aber ich bin satt.«

Herr Kesselhuth sah wieder vom Anmeldeformular hoch und machte große Augen. Der 

Hausdiener nahm den Schlüssel und ging mit dem Koffer zum Lift.

»Aber wir sehen Sie doch nachher noch?« fragte der Direktor werbend.

»Natürlich«, sagte Hagedorn. Dann suchte er eine Ansichtskarte aus, ließ sich eine Briefmarke 

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geben, bezahlte beides, obwohl der Portier anzuschreiben versprach, und wollte gehen.

»Ehe ich's vergesse«, sagte Onkel Folter hastig. »Interessieren Sie sich für Briefmarken?« Er 

holte das Kuvert heraus, in dem er die ausländischen Marken aufbewahrt hatte, und breitete die 

bunte Pracht vor dem jungen Mann aus.

Hagedorn betrachtete das Gesicht des alten Portiers. Dann unterzog er höflich die Briefmarken 

einer flüchtigen Musterung. Er verstand nicht das geringste davon. »Ich habe keine Kinder«, 

sagte er. »Aber vielleicht kriegt man welche.«

»Darf ich also weitersammeln?« fragte Onkel Polter.

Hagedorn steckte die Marken ein. »Tun Sie das«, meinte er. »Es ist ja wohl ungefährlich.« Dann 

ging er, vom strahlenden Direktor geführt, zum Fahrstuhl. Die Stammgäste, an deren Tischen er 

vorbeimußte, glotzten ihn an. Er steckte die Hände in die Manteltaschen und zog ein trotziges 

Gesicht.

Herr Johann Kesselhuth legte, völlig geistesabwesend, sein ausgefülltes Anmeldeformular 

beiseite. »Wieso sammeln Sie für diesen Herrn Briefmarken?« fragte er. »Und warum gibt es 

seinetwegen Nudeln mit Rindfleisch?«

Onkel Folter gab ihm den Schlüssel und meinte: »Es gibt komische Menschen. Dieser junge 

Mann zum Beispiel ist ein Millionär. Würden Sie das für möglich halten? Es stimmt trotzdem. Er 

darf nur nicht wissen, daß wir es wissen. Denn er will als armer Mann auftreten. Er hofft, 

schlechte Erfahrungen zu machen. Das wird ihm aber bei uns nicht gelingen. Haha! Wir wurden 

telefonisch auf ihn vorbereitet.«

»Ein reizender Mensch«, sagte der Direktor, der vom Lift zurückgekehrt war. »Außerordentlich 

sympathisch. Und er spielt seine Rolle gar nicht ungeschickt. Ich bin gespannt, was er zu den 

siamesischen Katzen sagen wird!«

Herr Kesselhuth klammerte sich an der Theke fest. »Siamesische Katzen?« murmelte er.

Der Portier nickte stolz. »Drei Stück. Auch das wurde uns gestern per Telefon angeraten. Genau 

wie das Briefmarkensammeln.«

Herr Kesselhuth starrte bloß zur Hoteltür hinüber. Sollte er ins Freie stürzen und den zweiten 

armen Mann, der im Anmarsch war, zur Umkehr bewegen?

Ein Schwärm Gäste kam angerückt. »Ein bezaubernder Bengel«, rief Frau Casparius, eine 

muntere Bremerin. Frau von Mallebré warf ihr einen bösen Blick zu. Die Dame aus Bremen 

erwiderte ihn.

»Wie heißt er denn nun eigentlich?« fragte Herr Lenz, ein dicker Kölner Kunsthändler.

»Doktor Fritz Hagedorn«, sagte Johann Kesselhuth automatisch.

Daraufhin schwiegen sie alle.

»Sie kennen ihn?« rief Direktor Kühne begeistert. »Das ist ja großartig! Erzählen Sie mehr von 

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ihm!«

»Nein. Ich kenne ihn nicht«, sagte Herr Johann Kesselhuth.

Die anderen lachten. Frau Casparius drohte schelmisch mit dem Finger.

Johann Kesselhuth wußte nicht aus noch ein. Er ergriff seinen Zimmerschlüssel und wollte 

fliehen. Man versperrte ihm den Weg. Hundert Fragen schwirrten durch die Luft. Man stellte 

sich vor und schüttelte ihm die Hand. Er nannte in einem fort seinen Namen.

»Lieber Herr Kesselhuth«, sagte schließlich der dicke Herr Lenz. »Es ist gar nicht nett von 

Ihnen, daß Sie uns so zappeln lassen.«

Dann erklang der Gong. Die Gruppe zerstreute sich. Denn man hatte Hunger.

Kesselhuth setzte sich gebrochen an einen Tisch in der Halle, hatte Falten der Qual auf der Stirn 

und wußte keinen Ausweg. Eins stand fest. Fräulein Hilde und die dämliche Kunkel hatten 

gestern abend telefoniert. Siamesische Katzen in Hagedorns Zimmer! Das konnte reizend 

werden.

Der arme Mann, der Volkslieder pfeifend, seinen Spankorb durch den Schnee schleppte, hatte 

kalte, nasse Füße. Er blieb stehen und setzte sich ächzend auf den Korb. Drüben auf einem Hügel 

lag ein großes schwarzes Gebäude mit zahllosen erleuchteten Fenstern. »Das wird das 

Grandhotel sein«, dachte er. »Ich sollte lieber in einen kleinen verräucherten Gasthof ziehen, 

statt in diesen idiotischen Steinbaukasten dort oben.« Dann aber fiel ihm ein, daß er ja die 

Menschen kennenlernen wollte. »So ein Blödsinn!« sagte er ganz laut. »Ich kenne die Brüder 

doch längst.« Dann bückte er sich und machte einen Schneeball. Er hielt ihn lange in beiden 

Händen.

Sollte er ihn nach einer Laterne werfen? Wie vor einigen Tagen die beiden Knirpse in der 

Lietzenburger Straße? Oder wie er selber, vor vierzig Jahren? Herr Schulze fror an den Fingern. 

Er ließ den kleinen weißen Schneeball unbenutzt fallen. »Ich träfe ja doch nicht mehr«, dachte er 

melancholisch.

Verspätete Skifahrer kamen vorüber. Sie strebten hügelwärts. Zum Grandhotel. Er hörte sie 

lachen und stand auf. Die rindsledernen Stiefel drückten. Der Spankorb war schwer. Der violette 

Anzug aus der Fruchtstraße kniff unter den Armen. »Ich könnte mir selber eine runterhauen«, 

sagte er gereizt und marschierte weiter.

Als er in das Hotel trat, standen die Skifahrer bei dem Portier, kauften Zeitungen und 

betrachteten ihn befremdet. Aus einem Stuhl erhob sich ein elegant gekleideter Herr. Ach nein. 

Das war ja Johann!

Kesselhuth näherte sich bedrückt. Flehend sah er zu dem armen Mann hin. Aber die Blicke 

prallten ab.

Herr Schulze setzte den Spankorb nieder, drehte dem Hotel den Rücken und studierte ein Plakat, 

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auf dem zu lesen war, daß am übernächsten Abend in sämtlichen Räumen des Grandhotels ein 

»Lumpenball« stattfinden werde. »Da brauch ich mich wenigstens nicht erst umzuziehen«, 

dachte er voller Genugtuung.

Die Skifahrer verschwanden polternd und stolpernd im Fahrstuhl. Der Portier musterte die ihm 

dargebotene Kehrseite des armen Mannes und sagte: »Hausieren verboten!« Dann wandte er sich 

an Kesselhuth und fragte nach dessen Wünschen.

Kesselhuth sagte: »Ich muß ab morgen skifahren. Ich weiß nicht, wie man das macht. Glauben 

Sie, daß ich's noch lernen werde?«

»Aber natürlich!« meinte Onkel Polter. »Das haben hier noch ganz andere gelernt. Sie nehmen 

am besten beim Graswander Toni Privatstunden. Da kann er sich Ihnen mehr widmen. 

Außerdem ist es angenehmer, als wenn Ihnen, im großen Kursus, bei dem ewigen Hinschlagen 

dauernd dreißig Leute zuschauen.«

Johann Kesselhuth wurde nachdenklich. »Wer schlägt hin?« fragte er zögernd.

»Sie!« stellte der Portier fest. »Der Länge nach.«

Der Gast kniff die Augen klein. »Ist das sehr gefährlich?«

»Kaum«, meinte der Portier. »Außerdem haben wir ganz hervorragende Ärzte in Bruckbeuren! 

Der Sanitätsrat Doktor Zwiesel zum Beispiel ist wegen seiner Heilungen komplizierter 

Knochenbrüche geradezu weltberühmt. Die Beine, die in seiner Klinik waren, schauen hinterher 

viel schöner aus als vorher!«

»Ich bin nicht eitel«, sagte der Gast. 

Hierüber mußte der arme Mann, der inzwischen sämtliche Anschläge studiert hatte, laut lachen.

Dem Portier, der den Kerl vergessen hatte, trat nunmehr, Schritt für Schritt, die Galle ins Blut. 

»Wir kaufen nichts!«

»Sie sollen gar nichts kaufen«, bemerkte der arme Mann,

»Was wollen Sie denn dann hier?«

Der aufdringliche Mensch trat näher und sagte sonnig: »Wohnen!«

Der Portier lächelte mitleidig: »Das dürfte Ihnen um ein paar Mark zu teuer sein. Gehen Sie ins 

Dorf zurück, guter Mann! Dort gibt es einfache Gasthäuser mit billigen Touristenlagern.«

»Vielen Dank«, entgegnete der andere. »Ich bin kein Tourist. Sehe ich so aus? Übrigens ist das 

Zimmer, das ich bei Ihnen bewohnen werde, noch viel billiger.«

Der Portier blickte Herrn Kesselhuth an, schüttelte, dessen Einverständnis voraussetzend, den 

Kopf und sagte, gewissermaßen abschließend: »Guten Abend!«

»Na endlich!« meinte der arme Mann. »Es wurde langsam Zeit, mich zu begrüßen. Ich hätte in 

diesem Hotel bessere Manieren erwartet.«

Onkel Polter wurde dunkelrot und zischte: »Hinaus! Aber sofort! Sonst lasse ich Sie 

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