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»Was gibt's?« fragte die Mallebré.
»Mir fällt trotz meines notorischen Mangels an Scharfsinn auf, daß auch Sie besonders rasch
essen.«
»Ich habe Hunger«, erklärte sie ungehalten.
»Ich weiß sogar, worauf«, sagte er.
Frau Casparius, die fesche Blondine aus Bremen, hatte ihr Ziel erreicht. Sie saß neben Hagedorn
am Tisch. Onkel Polter sah manchmal hinüber und glich einem Vater, der seinen Segen kaum
noch zurückhalten kann. Hagedorn schwieg. Frau Casparius beschrieb unterdessen die
Zigarrenfabrik ihres Mannes. Sie erwähnte, der Vollständigkeit halber, daß Herr Casparius in
Bremen geblieben sei, um sich dem Tabak und der Beaufsichtigung der beiden Kinder zu
widmen.
»Darf ich auch einmal etwas sagen, gnädige Frau?« fragte der junge Mann bescheiden.
»Bitte sehr?«
»Haben Sie siamesische Katzen im Zimmer?«
Sie sah ihn besorgt an.
»Oder andere Tiere?« fragte er weiter.
Sie lachte. »Das wollen wir nicht hoffen!«
»Ich meine Hunde oder Seelöwen. Oder Meerschweinchen. Oder Schmetterlinge.«
»Nein«, erwiderte sie. »Bedaure, Herr Doktor. In meinem Zimmer bin ich das einzige lebende
Wesen. Wohnen Sie auch in der dritten Etage?«
»Nein«, sagte er. »Ich möchte nur wissen, weswegen sich in meinem Zimmer drei siamesische
Katzen aufhalten.«
»Kann man die Tierchen einmal sehen?« fragte sie. »Ich liebe Katzen über alles. Sie sind so
zärtlich und bleiben einem doch fremd. Es ist ein aufregend unverbindliches Verhältnis. Finden
Sie nicht auch?«
»Ich habe wenig Erfahrung mit Katzen«, sagte er unvorsichtigerweise.
Sie machte veilchenblaue Augen und erklärte mit dichtverschleierter Stimme: »Dann hüten Sie
sich, lieber Doktor. Ich bin eine Katze.«
Glücklicherweise setzten sich Frau von Mallebré und Baron Keller an den Nebentisch. Und
wenige Minuten später war der Tisch, an dem Hagedorn saß, rings von neugierigen Gästen und
lauten Stimmen umgeben.
Frau Casparius beugte sich vor. »Schrecklich, dieser Lärm! Kommen Sie! Zeigen Sie mir Ihre
drei kleinen Katzen!«
Ihm war das Tempo neu. »Ich glaube, sie schlafen schon«, sagte er.
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»Wir werden sie nicht aufwecken«, sagte sie. »Wir werden ganz, ganz leise sein. Ich verspreche
es Ihnen.«
Da kam der Kellner und überreichte ihm eine Karte. Auf dieser Karte stand: »Der
Unterzeichnete, der zum Toblerkonzern Beziehungen hat, würde Herrn Doktor Hagedorn gern
auf einige Minuten in der Bar sprechen. Kesselhuth.«
Der junge Mann stand auf. »Seien Sie mir nicht böse, gnädige Frau«, sagte er. »Mich will
jemand sprechen, der mir von größtem Nutzen sein kann. Das ist ein seltsames Hotel!« Nach
diesen Worten und einer Verbeugung ging er.
Frau Casparius versah ihr schönes Gesicht mit einem diffusen Dauerlächeln.
Frau von Mallebré ließ sich nichts vormachen. Sie kniff vor Genugtuung in die Sessellehne. Da
sie sich aber vergriff und den Ärmel des Barons erwischte, stöhnte Keller auf und sagte: »Muß
das sein, gnädige Frau?«
Herr Kesselhuth erinnerte zunächst daran, daß Hagedorn und er gemeinsam im Grandhotel
eingetroffen wären, und gratulierte zu dem ersten Preis der Putzblank-Werke. Dann lud er den
jungen Mann zu einem Genever ein. Sie setzten sich in eine Ecke. Auf den Hockern vor der
Theke saßen die Geschwister Marek mit Sullivan, dem indischen Kolonialoffizier, tranken
Whisky und sprachen englisch.
Auf einem Sofa von äußerst geringem Fassungsvermögen kuschelte sich das Chemnitzer
Ehepaar. Die übrigen Barbesucher hatten das Vergnügen, dem zärtlichen Zwiegespräch zuhören
zu dürfen. Die sächsische Mundart eignet sich bekanntlich wie keine zweite zum Austausch
lieblicher Gefühle. Sogar Jonny, der Barmixer, verlor die Selbstbeherrschung. Er grinste übers
ganze Gesicht. Schließlich bückte er sich und hackte, ohne Sinn und Verstand, im Eiskasten
herum. Denn es geht nicht an, daß Hotelangestellte die Gäste auslachen.
»Wenn man unsre deutsche Sprache mit einem Gebäude vergleichen wollte«, meinte Hagedorn,
»so könnte man sagen, in Sachsen habe es durchs Dach geregnet.«
Kesselhuth lächelte, bestellte noch zwei Genever und sagte: »Ich will mich deutlich ausdrücken,
Herr Doktor. Ich will Sie fragen, ob ich Ihnen behilflich sein kann. Entschuldigen Sie, bitte.«
»Ich bin nicht zimperlich«, antwortete der junge Mann. »Es wäre großartig, wenn Sie mir helfen
würden. Ich kann's gebrauchen.« Er trank einen Schluck. »Das Zeug schmeckt gut. Ja, ich bin
also seit Jahren stellungslos. Der Direktor der Putzblank-Werke hat mir, als ich mich nach einem
Posten erkundigte, gute Erholung in Bruckbeuren gewünscht. Wenn ich bloß wüßte, von welcher
Anstrengung ich mich erholen soll! Arbeiten will ich, daß die Schwarte knackt! Und ein bißchen
Geld verdienen! Statt dessen helfe ich meiner Mutter ihre kleine Rente auffressen. Es ist
scheußlich.«
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Kesselhuth blickte ihn freundlich an. »Der Toblerkonzern hat ja noch einige andere Fabriken
außer den Putzblank-Werken«, meinte er. »Und nicht nur Fabriken. Sie sind
Reklamefachmann?«
»Jawoll!« sagte Hagedorn. »Und keiner von den schlechtesten, wenn ich diese kühne
Behauptung aufstellen darf.«
Herr Kesselhuth nickte. »Sie dürfen!«
»Was halten Sie von folgendem?« fragte der junge Mann eifrig. »Ich könnte meiner Mutter noch
heute abend eine zweite Karte schreiben. Daß ich unverletzt angekommen bin, habe ich ihr
nämlich schon mitgeteilt. Sie könnte meine Arbeiten in einen kleinen Karton packen; und in
spätestens drei Tagen sind Hagedorns Gesammelte Werke in Bruckbeuren. Verstehen Sie etwas
von Reklame, Herr Kesselhuth?«
Johann schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. »Ich möchte mir die Arbeiten trotzdem ansehen,
und dann gebe ich«, er verbesserte sich hastig, »dann schicke ich sie mit ein paar Zeilen an
Geheimrat Tobler. Das wird das beste sein.«
Hagedorn setzte sich kerzengerade und wurde blaß. »An wen wollen Sie den Kram schicken?«
fragte er.
»An Geheimrat Tobler«, erklärte Kesselhuth. »Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren!«
»Gut?«
»Ich bin täglich mit ihm zusammen.«
Der junge Mann vergaß vorübergehend, Atem zu holen. »Das ist ein Tag«, sagte er dann, »um
den Verstand zu verlieren. Sehr geehrter Herr, machen Sie, bitte, keine Witze mit mir. Jetzt
wird's ernst. Geheimrat Tobler liest Ihre Briefe?«
»Er hält große Stücke auf mich«, erklärte Herr Kesselhuth stolz.
»Wenn er sich die Sachen ansieht, gefallen sie ihm bestimmt«, sagte der junge Mann. »In dieser
Beziehung bin ich größenwahnsinnig. Das kostet nichts und erhält bei Laune.« Er stand auf.
»Darf ich meiner Mutter rasch eine Eilkarte schicken? Sehe ich Sie dann noch?«
»Ich würde mich sehr freuen«, entgegnete Kesselhuth. »Grüßen Sie Ihre Frau Mutter
unbekannterweise von mir.«
»Das ist eine patente Frau«, sagte Hagedorn und ging. An der Tür kehrte er noch einmal um.
»Eine bescheidene Frage, Herr Kesselhuth. Haben Sie Katzen im Zimmer?«
»Ich habe nicht darauf geachtet«, meinte der andere. »Aber ich glaube kaum.«
Als Hagedorn die Halle durchquerte, lief er Frau Casparius in die Arme. Sie war in Nerz gehüllt
und trug hohe pelzbesetzte Überschuhe. Neben ihr schritt, im Gehpelz, der Kunsthändler Lenz.
»Kommen Sie mit?« fragte die Bremerin. »Wir gehen ins Esplanade. Zwecks Reunion. Darf ich
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bekannt machen? Herr Doktor Hagedorn — Herr Lenz.«
Die Herren begrüßten sich.
»Kommen Sie mit, Herr Doktor!« sagte der dicke Lenz. »Unsere schöne Frau tanzt
leidenschaftlich gern. Übrigens auch gern leidenschaftlich. Und ich eigne mich figürlich nicht
besonders zum Anschmiegen. Ich bin zu konvex.«
»Entschuldigen Sie mich«, sagte der junge Mann. »Ich muß einen Brief schreiben.«
»Post kann man während des ganzen Tages erledigen«, meinte Frau Casparius. »Tanzen kann
man nur abends.«
»Der Brief muß noch heute fort«, sagte Hagedorn bedauernd. »Leidige Geschäfte!« Dann
entfernte er sich eiligst.
Frau von Mallebré, die ihn kommen sah, gab dem Baron einen Wink. Keller erhob sich, vertrat
dem jungen Mann lächelnd den Weg, stellte sich vor und fragte: »Darf ich Sie mit einer
charmanten Frau bekannt machen?«
Hagedorn erwiderte ärgerlich: »Ich bitte darum«, und ließ die üblichen Zeremonien über sich
ergehen. Keller setzte sich. Der junge Mann blieb ungeduldig stehen.
»Ich fürchte, wir halten Sie auf«, sagte Frau von Mallebré. Sie sprach, auf Wirkung bedacht, eine
Terz tiefer als sonst. Keller lächelte. Er kannte Frau von Mallebrés akustische Taktik.
»Es tut mir leid, Ihnen recht geben zu müssen«, meinte Hagedorn. »Post! Leidige Geschäfte!«
Die Mallebré schüttelte mißbilligend die schwarzen Wasserwellen. »Sie sind doch hier, um sich
zu erholen.«
»Das ist ein Irrtum«, antwortete er. »Ich bin gekommen, weil ich, infolge eines gewonnenen
Preisausschreibens, hergeschickt wurde.«
»Nehmen Sie Platz!« sagte die Mallebré. Die Gäste an den Nebentischen blickten gespannt
herüber.
»Sehr freundlich«, meinte Hagedorn. »Aber ich muß auf mein Zimmer. Guten Abend.« Er ging.
Baron Keller lachte. »Sie hätten nicht so rasch zu essen brauchen, gnä' Frau.«
Frau von Mallebré betrachtete ihr Gesicht im Spiegel der Puderdose, tupfte Puder auf ihre adlige
Nase und sagte: »Wir wollen's abwarten.«
Auf der Treppe traf Hagedorn Herrn Schulze. »Ich friere wie ein Schneider«, sagte Schulze. »Ist
Ihr Zimmer auch ungeheizt?«
»Aber nein«, meinte Hagedorn. »Wollen Sie sich bei mir einmal umschauen? Ich muß eine Karte
nach Hause schreiben. Ich habe eben ein unglaubliches Erlebnis gehabt. Raten Sie! Nein, darauf
kommt keiner. Also denken Sie an: ich habe eben mit einem Herrn gesprochen, der den ollen
Tobler persönlich kennt! Der jeden Tag mit ihm zusammen ist! Was sagen Sie dazu?«
»Man sollte es nicht für möglich halten«, behauptete Schulze und folgte dem jungen Mann ins
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erste Stockwerk.
Hagedorn schaltete das elektrische Licht ein. Schulze glaubte zu träumen. Er erblickte einen
Salon, ein Schlafzimmer und ein gekacheltes Bad. »Was soll das denn heißen?« dachte er. »So
viel besser ist ja nun seine Lösung des Preisausschreibens nicht, daß man mir die Bruchbude
unterm Dach angedreht hat und ihm so 'ne Zimmerflucht.«
»Trinken Sie einen Schnaps?« fragte der junge Mann. Er schenkte französischen Kognak ein. Sie
stießen an und sagten »Prost!«
Da klopfte es.
Hagedorn rief: »Herein!«
Es erschien das Zimmermädchen. »Ich wollte nur fragen, ob der Herr Doktor schon schlafen
gehen. Es ist wegen des Ziegelsteins.«
Hagedorn runzelte die Stirn. »Weswegen?«
»Wegen des Ziegelsteins«, wiederholte das Mädchen. »Ich möchte ihn nicht zu früh ins Bett tun,
damit er nicht auskühlt.«
»Verstehen Sie das?« fragte Hagedorn.
»Noch nicht ganz«, erwiderte Schulze. Und zu dem Mädchen sagte er: »Der Herr Doktor geht
noch nicht schlafen. Bringen Sie Ihren Ziegelstein später!«
Das Mädchen ging.
Hagedorn sank verstört in einen Klubsessel. »Haben Sie auch ein Zimmermädchen mit geheizten
Ziegelsteinen?«
»Keineswegs«, meinte Schulze. »Französischen Kognak übrigens auch nicht.« Er grübelte.
»Auch keine siamesischen Katzen?« fragte der andere und zeigte auf ein Körbchen.
Schulze griff sich an die Stirn. Dann ging er in Kniebeuge und betrachtete die drei kleinen
schlafenden Tiere. Dabei kippte er um und setzte sich auf den Perserteppich. Ein Kätzchen
erwachte, reckte sich, stieg aus dem Korb und nahm auf Schulzes violetter Hose Platz.
Hagedorn schrieb die Karte an seine Mutter.
Schulze legte sich auf den Bauch und spielte mit der kleinen Katze. Dann wurde die zweite
wach, schaute anfangs faul über den Rand des Korbes, kam dann aber nach längerer Überlegung
ebenfalls auf den Teppich spaziert. Schulze hatte alle Hände voll zu tun.
Hagedorn sah flüchtig von seiner Karte hoch, lächelte und sagte: »Vorsicht! Lassen Sie sich
nicht kratzen!«
»Keine Sorge«, erklärte der Mann auf dem Teppich. »Ich verstehe mit so etwas umzugehen.«
Die zwei Katzen spielten auf dem älteren Herrn Hasehen. Wenn er sie festhielt, schnurrten sie
vor Wonne. »Ich fühle mich wie zu Hause«, dachte er. Und nachdem er das gedacht hatte, ging
ihm ein großes Licht auf.
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