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rotwangiger Holländer lärmte an einem großen runden Tisch. Und das sächsische Ehepaar
mokierte sich über die phonetische Impertinenz der holländischen Sprache.
Später verdrängte einer der Holländer den Klavierspieler. Sofort erhoben sich seine
temperamentvollen Landsleute und veranstalteten, ungeachtet ihrer Smokings und mondänen
Abendkleider, echt holländische Volkstänze.
Sullivan rutschte von seinem Barhocker und nahm, da sich Fräulein Marek sträubte, als Solist
und gefährlich taumelnd, an dem ländlichen Treiben teil.
Das währte rund zwanzig Minuten. Dann eroberte der Klavierspieler seinen angestammten
Drehsessel zurück. »Nun tanzen Sie schon endlich mit einer ihrer Verehrerinnen!« sagte Schulze
zu Hagedorn. »Es ist ja kaum noch zum Aushalten, wie sich die Weiber die Augen verrenken!«
Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Man meint ja gar nicht mich, sondern den Thronfolger
von Albanien.«
»Wenn's weiter nichts ist!« erwiderte Schulze. »Das würde mich wenig stören. Der Effekt ist die
Hauptsache.«
Hagedorn wandte sich an Kesselhuth. »Man hält mich hier im Hotel unbegreiflicherweise für
den Enkel von Rockefeller oder für einen verkleideten Königssohn. Dabei bin ich keines von
beiden.«
»Unglaublich!« sagte Herr Kesselhuth. Er bemühte sich, ein überraschtes Gesicht zu ziehen.
»Was es so alles gibt!«
»Das bleibt aber, bitte, unter uns!« bat Hagedorn. »Ich hätte das Mißverständnis gerne
richtiggestellt. Aber Schulze hat mir abgeraten.«
»Herr Schulze hat recht«, sagte Kesselhuth. »Ohne Spaß gibt's nichts zu lachen!«
Plötzlich spielte die Kapelle einen Tusch. Herr Heltai, Professor der Tanzkunst und Arrangeur
von Kostümfesten, trat aufs Parkett, klatschte in die Hände und rief: »Damenwahl, meine
Herrschaften!« Er wiederholte die Ankündigung noch in englischer und französischer Sprache.
Die Gäste lachten. Mehrere Damen erhoben sich. Auch Frau Casparius. Sie steuerte auf
Hagedorn los. Frau von Mallebré wurde blaß und engagierte, verzerrt lächelnd, den Baron.
»Nun aber ran an den Speck!« befahl Schulze.
Frau Casparius machte einen übertriebenen Knicks und sagte: »Sie sehen, Herr Doktor, mir
entgeht man nicht.«
»Da werden Weiber zu Hyänen!« deklamierte Schulze, der sich auskannte. Doch die Bremerin
und Hagedorn waren schon außer Hörweite. Der Tanz begann.
Schulze beugte sich vor. »Ich gehe in die Halle«, flüsterte er. »Folgen Sie mir unauffällig!
Bringen Sie aber 'ne anständige Zigarre mit!« Dann verließ er die Bar.
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Geheimrat Tobler saß nun also mit seinem Diener Johann in der Halle. Die meisten Tische waren
leer. Kesselhuth klappte sein Zigarrenetui auf und fragte: »Darf ich Sie zu einem Kognak
einladen?«
»Fragen Sie nicht so blöd!« meinte Tobler.
Der andere bestellte. Die Herren rauchten und blickten einander belustigt an. Der Kellner brachte
die Kognaks.
»Nun haben wir uns also doch kennengelernt«, sagte Johann befriedigt. »Noch dazu am ersten
Abend! Wie habe ich das gemacht?«
Tobler runzelte die Stirn. »Sie sind ein Intrigant, mein Lieber. Eigentlich sollte ich Sie
entlassen.«
Johann lächelte geschmeichelt. Dann sagte er: »Ich kriegte ja, als ich ankam, einen solchen
Schreck! Der Hoteldirektor und der Portier krochen doch dem Doktor Hagedorn in sämtliche
Poren! Am liebsten wäre ich Ihnen entgegengelaufen, um Sie zu warnen.«
»Ich werde meiner Tochter die Ohren abschneiden«, erklärte Tobler. »Sie hat natürlich
angerufen.«
»Fräulein Hildegards Ohren sind so niedlich«, meinte Johann. »Ich wette, die Kunkel hat
telefoniert.«
»Wenn ich nicht so guter Laune wäre, würde ich mich ärgern«, gestand Tobler. »So eine
Frechheit! Ein wahres Glück, daß dieses verrückte Mißverständnis dazwischenkam!«
»Hat man Ihnen ein nettes Zimmer gegeben?« fragte der Diener.
»Ein entzückendes Zimmer«, behauptete Tobler. »Sonnig, luftig. Sehr luftig sogar.«
Johann nahm dem Geheimrat ein paar Fusseln vom Anzug und bürstete mit der flachen Hand
besorgt auf den violetten Jackettschultern herum.
»Lassen Sie das!« knurrte Tobler. »Sind Sie verrückt?«
»Nein«, meinte Johann. »Aber froh, daß ich neben Ihnen sitze. Na ja, und ein klein bißchen
besoffen bin ich natürlich auch. Ihr Anzug sieht zum Fürchten aus. Ich werde morgen auf Ihr
Zimmer kommen und Ordnung machen. Welche Zimmernummer haben Sie, Herr Geheimrat?«
»Unterstehen Sie sich!« sagte Tobler streng. »Das fehlte gerade noch, daß man den Besitzer
einer gutgehenden Schiffahrtslinie dabei erwischt, wie er bei mir Staub wischt. Haben Sie
Bleistift und Papier bei sich? Sie müssen einen geschäftlichen Brief erledigen. Beeilen Sie sich!
Ehe unser kleiner Millionär eintrifft. Wie gefällt er Ihnen?«
»Ein reizender Mensch«, sagte Johann. »Wir werden zu dritt noch sehr viel Spaß haben.«
»Lassen Sie uns arme Leute ungeschoren!« meinte der Geheimrat. »Widmen Sie sich gefälligst
dem Wintersport und der vornehmen Gesellschaft!«
»Die Hoteldirektion glaubt, daß ich Doktor Hagedorn von Berlin aus kenne und es nur nicht
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zugeben will«, erzählte Johann. »Man wird also nichts dabei finden, wenn ich oft mit ihm
zusammen bin. Im Gegenteil, ohne mich wäre er nie so schnell Millionär geworden!« Er blickte
an Tobler herunter. »Ihre Schuhe sind auch nicht geputzt!« sagte er. Man sah es ihm an, wie er
darunter litt. »Es ist zum Verzweifeln!«
Der Geheimrat, dem die Zigarre außerordentlich schmeckte, meinte: »Kümmern Sie sich lieber
um Ihre Schiffahrtslinie!«
So oft die Kapelle eine Atempause machen wollte, klatschten die Tanzpaare wie besessen.
Frau Casparius sagte leise: »Sie tanzen wirklich gut.« Ihre Hand lag auf Hagedorns Schulter und
übte einen zärtlichen Druck aus. »Was tun Sie morgen? Fahren Sie Ski?«
Er verneinte. »Als kleiner Junge hatte ich Schneeschuhe. Jetzt ist mir die Sache zu teuer.«
»Wollen wir eine Schlittenpartie machen? Nach Sankt Veit? Den Lunch nehmen wir mit.«
»Ich bin mit meinen beiden Bekannten verabredet.«
»Sagen Sie ab!« bat sie. »Wie können Sie überhaupt diesen Mann, der wie eine Vogelscheuche
aussieht, meiner bezaubernden Gesellschaft vorziehen?«
»Ich bin auch so eine Vogelscheuche«, sagte er zornig. »Schulze und ich gehören zusammen!«
Sie lachte und zwinkerte eingeweiht. »Freilich, Doktor. Ich vergesse das immer wieder. Aber Sie
sollten trotzdem mit mir nach Sankt Veit fahren. Im Pferdeschlitten. Mit klingelnden Glöckchen.
Und mit warmen Decken. So etwas kann sehr schön sein.« Sie schmiegte sich noch enger an ihn
und fragte: »Mißfalle ich Ihnen denn so?«
»O nein«, sagte er. »Aber Sie haben so etwas erschreckend Plötzliches an sich.«
Sie rückte ein wenig von ihm ab und rümpfte die Lippen. »So sind die Männer. Wenn man redet,
wie einem zumute ist, werdet ihr fein wie ein Schock Stiftsdamen.« Sie sah ihm kerzengerade in
die Augen. »Seien Sie doch nicht so zimperlich, zum Donnerwetter! Sind wir jung? Gefallen wir
einander? Wie? Wozu das Theater! Hab ich recht oder stimmt's?«
Die Kapelle hörte zu spielen auf.
»Sie haben recht«, sagte er. »Aber wo sind meine Bekannten?«
Er begleitete sie an ihren Tisch, verbeugte sich vor ihr und vor dem dicken Herrn Lenz und
entfernte sich eilends, um die Herren Schulze und Kesselhuth zu suchen.
»Stecken Sie die Notizen weg!« sagte Geheimrat Tobler zu seinem Diener. »Dort kommt unser
kleiner Millionär.«
Hagedorn strahlte. Er setzte sich und ächzte. »Das ist eine Frau!« meinte er benommen. »Die
hätte Kavalleriegeneral werden müssen!«
»Dafür ist sie entschieden zu hübsch«, behauptete Schulze.
Hagedorn dachte nach. »Na ja«, sagte er. »Aber man kann doch nicht mit jeder hübschen Frau
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etwas anfangen! Dafür gibt es schließlich viel zu viele hübsche Frauen!«
»Ich kann dem Doktor nur beipflichten«, meinte Herr Kesselhuth. »Ober! Drei Korn!« Und als
der Kellner wieder da war — und der Korn auch — rief er: »Allerseits frohe Pfingsten!«
Sie kippten den farblosen Inhalt der drei Gläser. Dann fragte Hagedorn neugierig: »Was tun wir
jetzt? Es ist noch nicht einmal Mitternacht.«
Schulze drückte die Zigarre aus und sagte: »Meine Herren, Silentium! Ich erlaube mir, eine
Frage an Sie zu richten, die Sie verblüffen wird. Und die Frage lautet: Wozu sind wir nach
Bruckbeuren gekommen? Etwa in der Absicht, uns zu betrinken?«
»Es scheint so«, bemerkte Kesselhuth und kicherte.
»Wer dagegen ist, bleibe sitzen!« sagte Schulze. »Zum ersten! Zum zweiten! Zum — dritten!«
»Einstimmig angenommen«, meinte Hagedorn.
Schulze fuhr fort: »Wir sind also nicht hierhergekommen, um zu trinken.«
Kesselhuth hob die Hand und sagte: »Nicht nur, Herr Lehrer!«
»Und so fordere ich die Anwesenden auf«, erklärte Schulze, »sich von den Plätzen zu erheben
und mir in die Natur zu folgen.«
Sie erhoben sich mühsam und gingen, leise schwankend, aus dem Hotel hinaus. Die klare, kalte
Gebirgsluft verschlug ihnen den Atem. Sie standen verwundert im tiefen Schnee. Über ihnen
wölbte sich die dunkelblaue, mit goldnen und grünen, silbernen und rötlichen Brillantsplittern
übersäte Riesenkuppel des Sternhimmels. Am Mond zog ein verlassenes weißes Wölkchen
vorüber.
Sie schwiegen minutenlang. Aus dem Hotel klang ferne Tanzmusik. Herr Kesselhuth räusperte
sich und sagte: »Morgen wird's schön.«
Männer neigen, ergreifenden Eindrücken gegenüber, zur Verlegenheit. So kam es, daß Hagedorn
erklärte: »So, meine Herrschaften! Jetzt machen wir einen großen Schneemann!«
Und Schulze rief: »Ein Hundsfott, wer sich weigert! Marsch, marsch!«
Anschließend setzte eine rege Tätigkeit ein. Baumaterial war ja genügend vorhanden. Sie buken
und kneteten eine Kugel, rollten sie kreuz und quer durch den Schnee, klatschten fanatisch auf
ihr herum, deformierten sie ins Zylindrische, rollten den unaufhörlich wachsenden Block noch
einige Male hin und her und stellten ihn schließlich, als er ausreichend imposant erschien, vor
die kleinen Silbertannen, die gegenüber vom Hoteleingang, jenseits des Fahrweges, den Park
flankierten.
Die drei Männer schwitzten. Aber sie waren unerbittlich und begannen nun den zweiten Teil des
Schneemannes, seinen Rumpf, zu bilden. Der Schnee wurde knapp. Sie drangen in den Park vor.
Die Tannenbäume stachen mit Nadeln nach den erhitzten Gesichtern.
Schließlich war auch der Rumpf fertig, und schwer atmend hoben sie ihn auf den Schneesockel
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hinauf. Es gelang ohne größere Zwischenfälle. Herr Kesselhuth fiel allerdings hin und sagte:
»Der teure Smoking!« Aber es focht ihn nicht weiter an. Wenn erwachsene Männer etwas
vorhaben, dann setzen sie es durch. Sogar im Smoking.
Schließlich kam auch ein Kopf zustande. Er wurde auf den Rumpf gepflanzt. Dann traten sie
ehrfurchtsvoll einige Schritte zurück und bewunderten ihr Werk.
»Der Gute hat leider einen Eierkopf«, stellte Schulze fest.
»Das macht nichts«, sagte Hagedorn. »Wir nennen ihn ganz einfach Kasimir. Wer Kasimir heißt,
kann sich das leisten.« Es erhob sich kein Widerspruch.
Dann zückte Schulze sein Taschenmesser und wollte sich die Knöpfe vom violetten Anzug
schneiden, um sie Kasimir in den Schneebauch zu drücken. Aber Herr Kesselhuth ließ es nicht
zu und erklärte, das gehe keinesfalls. Deshalb nahm Hagedorn Herrn Schulze das Messer weg,
schnitt mehrere Tannenzweige ab und besetzte Kasimirs Brust damit, bis er wie ein Gardehusar
aussah.
»Kriegt er keine Arme?« fragte Kesselhuth.
»O nein«, sagte Doktor Hagedorn. »Kasimir ist ein Torso!«
Dann verliehen sie ihm ein Gesicht. Als Nase verwandten sie eine Streichholzschachtel. Der
Mund wurde von kurzen Zweigstücken dargestellt. Und als Augen benutzten sie Baumrinde.
Kesselhuth bemerkte kritisch: »Kasimir braucht einen Tschako, damit man seine Glatze nicht
sieht.«
»Sie sind ein grauenhafter Naturalist«, sagte Schulze empört. »Wenn Sie Bildhauer geworden
wären, hätten Sie Ihren Plastiken Perücken aufgesetzt!«
»Ich besorge morgen früh aus der Küche einen Konfitüreneimer«, versprach Hagedorn. »Den
setzen wir unserem Liebling verkehrt auf. Da kann er den Henkel gleich als Kinnkette
benutzen.« Der Vorschlag wurde gebilligt und angenommen. »Kasimir ist ein schöner, stattlicher
Mensch«, meinte Schulze hingerissen.
»Kunststück!« rief Kesselhuth. »Er hat ja auch drei Väter!«
»Zweifellos einer der beachtlichsten Schneemänner, die je gelebt haben«, sagte Hagedorn. »Das
ist meine ehrliche Überzeugung.«
Dann riefen sie im Chor: »Gute Nacht, Kasimir!«
Und der Schneemann antwortete ganz laut: »Gute Nacht, meine Herren.« Es war aber gar nicht
der Schneemann, sondern ein Gast aus dem ersten Stock, der wegen des Lärms vor dem Hotel
nicht hatte einschlafen können. Wütend knallte er das Fenster zu.
Und die drei Väter Kasimirs gingen auf den Zehenspitzen ins Haus.
Herr Schulze zog, als er schlafen ging, seinen Flauschmantel an. Er lächelte vergnügt zum
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