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Als Hagedorn mit der Eilkarte zu Rande war, legte Schulze die zwei Katzen zu der dritten in den
Korb zurück. Sie sahen ihn aus ihren schwarzmaskierten Augen fragend an und bewegten die
Schwänze vergnügt hin und her. »Ich besuche euch bald wieder«, sagte er. »Nun schlaft aber,
wie sich das für so kleine artige Katzen gehört!« Dann überredete er den jungen Mann, die Karte
dem Stubenmädchen zur Besorgung anzuvertrauen. »Ich bin Ihnen Revanche schuldig. Sie
müssen sich mein Zimmer ansehen. Kommen Sie!«
Sie gaben dem Mädchen die Karte und stiegen in den Fahrstuhl. »Der nette Herr, der den alten
Tobler so gut kennt, heißt Kesselhuth«, erzählte Hagedorn. »Er kam gleichzeitig mit mir im
Hotel an. Und vor einer Viertelstunde hat er mich gefragt, ob er mir beim Toblerkonzern
behilflich sein soll. Halten Sie für möglich, daß er das überhaupt kann?«
»Warum schließlich nicht?« meinte Schulze. »Wenn er den ollen Tobler gut kennt, wird er's
schon zuwege bringen.«
»Aber wie kommt ein fremder Mensch eigentlich dazu, mir helfen zu wollen?«
»Sie werden ihm sympathisch sein«, sagte Schulze.
Dem anderen schien diese Erklärung nicht zu genügen. »Wirke ich denn sympathisch?« fragte er
erstaunt.
Schulze lächelte. »Außerordentlich sympathisch sogar!«
»Entschuldigen Sie«, meinte der junge Mann. »Ist das Ihre persönliche Ansicht?« Er war richtig
rot geworden.
Schulze erwiderte: »Es ist meine feste Überzeugung.« Nun war auch er verlegen.
»Fein«, sagte Hagedorn. »Mir geht's mit Ihnen ganz genauso.«
Sie schwiegen, bis sie im vierten Stock ausstiegen. »Sie wohnen wohl auf dem Blitzableiter?«
fragte der junge Mann, als der andere die Stufen betrat, die zur fünften Etage führten.
»Noch höher«, erklärte Schulze.
»Herr Kesselhuth will dem Tobler meine Arbeiten schicken«, berichtete Hagedorn. »Hoffentlich
versteht der olle Millionär etwas von Reklame. Schrecklich, daß ich schon wieder davon
anfange, was? Aber es geht mir nicht aus dem Kopf. Da rennt man sich in Berlin seit Jahren die
Hacken schief. Fast jeden Tag wird man irgendwo anders abgewiesen. Dann kutschiert man in
die Alpen. Und kaum ist man dort, fragt einen ein wildfremder Herr, ob man im Toblerkonzern
angestellt zu werden wünscht.«
»Ich werde die Daumen halten«, sagte der andere.
Sie schritten den schmalen Korridor entlang. »Ich möchte, wenn ich wieder Geld verdiene, mit
meiner Mutter eine größere Reise machen«, erklärte Hagedorn. »Vielleicht an die
oberitalienischen Seen. Sie kennt nur Swinemünde und den Harz. Das ist für eine sechzigjährige
Frau zu wenig, nicht?«
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Das sei auch seine Meinung, entgegnete Schulze. Und während der junge Mann von den sieben
gewonnenen Preisausschreiben und den damit verbundenen geographischen Erfahrungen
erzählte, schloß der andere die Tür zu dem Dachstübchen auf. Er öffnete und machte Licht.
Hagedorn blieben Stockholm und die Schären im Halse stecken. Er starrte verständnislos in die
elende Kammer. Nach längerer Zeit sagte er: »Machen Sie keine Witze!«
»Treten Sie näher!« bat Schulze. »Setzen Sie sich, bitte, aufs Bett oder in die Waschschüssel!
Was Ihnen lieber ist!«
Der andere klappte den Jackettkragen hoch und steckte die Hände in die Taschen.
»Kälte ist gesund«, meinte Schulze. »Schlimmstenfalls werde ich die Pantoffeln anbehalten,
wenn ich schlafen gehe.«
Hagedorn blickte sich suchend um. »Nicht einmal ein Schrank ist da«, sagte er. »Können Sie
sich das Ganze erklären? Mir gibt man ein feudales Appartement. Und Sie sperrt man in eine
hundekalte Bodenkammer!«
»Es gibt eine einzige Erklärung«, behauptete Schulze. »Man hält Sie für einen andern! Irgendwer
muß sich einen Scherz erlaubt haben. Vielleicht hat er verbreitet, Sie seien der Thronfolger von
Albanien. Oder der Sohn eines Multimillionärs.«
Hagedorn zeigte den Glanz auf den Ellenbogen seines Anzuges und hielt einen Fuß hoch, um das
biblische Alter seiner Schuhe darzulegen. »Sehe ich so aus?«
»Gerade darum! Es gibt genug extravagante Personen unter denen, die sich Extravaganzen
pekuniär leisten können.«
»Ich habe keinen Spleen«, sagte der junge Mann. »Ich bin kein Thronfolger und kein Millionär.
Ich bin ein armes Luder. Meine Mutter war auf der Sparkasse, damit ich mir hier ein paar Glas
Bier leisten kann.« Er schlug wütend auf den Tisch. »So! Und jetzt gehe ich zu dem
Hoteldirektor und erzähle ihm, daß man ihn veralbert hat und daß ich sofort hier oben, neben
Ihnen, eine ungeheizte Hundehütte zu beziehen wünsche!« Er war schon an der Tür.
Tobler sah sein eigenes Abenteuer in Gefahr. Er hielt den andern am Jackett fest und zwang ihn
auf den einzigen Stuhl. »Lieber Hagedorn, machen Sie keine Dummheiten! Davon, daß Sie
neben mir eine Eisbude beziehen, haben wir alle beide nichts. Seien Sie gescheit! Bleiben Sie der
geheimnisvolle Unbekannte! Behalten Sie Ihre Zimmer, damit ich weiß, wohin ich gehen soll,
wenn mir's hier oben zu kalt wird! Lassen Sie sich in drei Teufels Namen eine Flasche Kognak
nach der andern bringen und eine ganze Ziegelei ins Bett legen! Was schadet es denn?«
»Schrecklich!« sagte der junge Mann. »Morgen früh kommt der Masseur.«
Schulze mußte lachen. »Massage ist gesund!«
»Ich weiß«, erwiderte Hagedorn. »Sie fördert die Durchblutung der Haut.« Er schlug sich vor die
Stirn. »Und der Portier sammelt Briefmarken! Diese Mystifikation ist gewissenhaft durchdacht!
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Und ich Rindvieh bildete mir ein, die Leute hier seien von Natur aus nett.« Er warf das Kuvert
mit den Briefmarken beleidigt auf den Tisch.
Schulze prüfte den Inhalt fachmännisch und steckte das Kuvert ein.
»Ich habe eine großartige Idee«, sagte Hagedorn. »Sie beziehen meine Zimmer, und ich werde
hier wohnen. Wir erzählen dem Direktor, er habe sich geirrt. Der Thronfolger von Albanien
seien Sie! Ist das gut?«
»Nein«, erwiderte Schulze. »Für einen Thronfolger bin ich zu alt.«
»Es gibt auch alte Thronfolger«, wandte der junge Mann ein.
»Und den Millionär glaubt man mir erst recht nicht!« sagte Schulze. »Stellen Sie sich das doch
vor! Ich als Millionär! Lächerlich!«
»Sehr überzeugend würden Sie allerdings nicht wirken«, gab Hagedorn offen zu. »Aber ich will
niemand anders sein!«
»Tun Sie's mir zuliebe«, bat Schulze. »Mir haben die drei kleinen Katzen so gut gefallen.«
Der junge Mann kratzte sich am Kopf. »Also schön«, erklärte er. »Aber bevor wir abreisen,
geben wir durch Anschlag am Schwarzen Brett bekannt, daß das Hotel von irgendeinem
Spaßmacher hineingelegt worden ist. Ja?«
»Das eilt nicht«, sagte Schulze. »Bis auf weiteres bleiben Sie, bitte, ein Rätsel!«
Das achte Kapitel
Der Schneemann Kasimir
Als die beiden miteinander durch die Halle gingen, war die Empörung groß. Das Publikum fand
sich brüskiert. Wie konnte der geheimnisvolle Millionär mit dem einzigen armen Teufel, den das
Hotel zu bieten hatte, gemeinsame Sache machen! So realistisch brauchte er seine Rolle wirklich
nicht zu spielen!
»Einfach tierisch!« sagte Karl der Kühne, der beim Portier stand. »Dieser Schulze! Das ist das
Letzte!«
»Die Casparius und die Mallebré machen schon Jagd auf den Kleinen«, erzählte Onkel Poker.
»Er könnte es haben wie in Abrahams Schoß!«
»Der Vergleich stimmt nur teilweise«, meinte der Direktor. (Er neigte gelegentlich zur
Pedanterie.)
»Ich sehe schon«, sagte der Portier, »ich werde für Herrn Schulze eine kleine
Nebenbeschäftigung erfinden müssen. Sonst geht er dem Millionär nicht von der Seite.«
»Vielleicht reist er bald wieder ab«, bemerkte Herr Kühne. »Die Dachkammer, die wir ihm
ausgesucht haben, wird ihm auf die Dauer kaum zusagen. Dort oben hat es noch kein
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Stubenmädchen und kein Hausdiener ausgehalten.«
Onkel Polter kannte die Menschen besser. Er schüttelte das Haupt. »Sie irren sich. Schulze
bleibt. Schulze ist ein Dickkopf.«
Der Hoteldirektor folgte den beiden seltsamen Gästen in die Bar.
Die Kapelle spielte. Etliche elegante Paare tanzten. Sullivan, der Kolonialoffizier, trank den
Whisky aus alter Gewohnheit pur und war bereits hinüber. Er hing auf seinem Barhocker, stierte
vor sich hin und schien Bruckbeuren mit einer nordindischen Militärstation zu verwechseln.
»Darf ich vorstellen?« fragte Hagedorn. Und dann machte er Geheimrat Tobler und Johann,
dessen Diener, miteinander bekannt. Man nahm Platz. Herr Kesselhuth bestellte eine Runde
Kognak.
Schulze lehnte sich bequem zurück, betrachtete, gerührt und spöttisch zugleich, das altvertraute
Gesicht und sagte: »Doktor Hagedorn erzählte mir eben, daß Sie den Geheimrat Tobler kennen.«
Herr Kesselhuth war nicht mehr ganz nüchtern. Er hatte nicht des Alkohols wegen getrunken.
Aber er war ein gewissenhafter Mensch und hatte nicht vergessen, daß er täglich mindestens
hundert Mark ausgeben mußte. »Ich kenne den Geheimrat sogar ausgezeichnet«, erklärte er und
blinzelte vergnügt zu Schulze hinüber. »Wir sind fast dauernd zusammen!«
»Sie sind vermutlich Geschäftsfreunde?« fragte Schulze.
»Vermutlich?« sagte Kesselhuth großartig. »Erlauben Sie mal! Mir gehört eine gutgehende
Schiffahrtslinie! Wir sitzen zusammen im Aufsichtsrat. Direkt nebeneinander!«
»Donnerwetter!« rief Schulze. »Welche Linie ist das denn?«
»Darüber möchte ich nicht sprechen«, sagte Kesselhuth vornehm. »Aber es ist nicht die kleinste,
mein Herr!«
Sie tranken. Hagedorn setzte sein Glas nieder, zog die Oberlippe hoch und meinte: »Ich verstehe
nichts von Schnaps. Aber der Kognak schmeckt, wenn ich nicht irre, nach Seife.«
»Das muß er tun«, erklärte Schulze. »Sonst taugt er nichts.«
»Wir können ja auch etwas anderes trinken«, sagte Kesselhuth. »Herr Ober, was schmeckt bei
Ihnen nicht nach Seife?«
Es war aber gar nicht der Kellner, der an den Tisch getreten war, sondern der Hoteldirektor. Er
fragte den jungen Mann, ob ihm die Zimmer gefielen.
»Doch, doch«, sagte Hagedorn, »ich bin soweit ganz zufrieden.«
Herr Kühne behauptete, daß er sich glücklich schätze. Dann winkte er; und Jonny und ein
Kellner brachten einen Eiskübel mit einer Flasche Champagner und zwei Gläser. »Ein kleiner
Begrüßungsschluck«, sagte der Hoteldirektor lächelnd.
»Und ich kriege kein Glas?« fragte Schulze unschuldsvoll.
Kühne lief rot an. Der Kellner brachte ein drittes Glas und goß ein. Der Versuch, Schulze zu
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ignorieren, war mißlungen.
»Auf Ihr Wohl!« rief dieser fidel.
Der Direktor verschwand, um dem Portier sein jüngstes Leid zu klagen.
Schulze stand auf, schlug ans Glas und hob es hoch. Die anderen Gäste blickten unfreundlich zu
ihm hin. »Trinken wir darauf«, sagte er, »daß Herr Kesselhuth für meinen jungen Freund beim
ollen Tobler etwas erreichen möge!«
Johann kicherte vor sich hin. »Mach ich, mach ich!« murmelte er und trank sein Glas leer.
Hagedorn sagte: »Lieber Schulze, wir kennen uns noch nicht lange. Aber vielleicht sollten wir in
diesem Augenblick fragen, ob Herr Kesselhuth auch für Sie etwas unternehmen kann?«
»Keine schlechte Idee«, meinte Schulze.
Johann Kesselhuth sagte amüsiert: »Ich werde Geheimrat Tobler nahelegen, auch Herrn Schulze
anzustellen. Was sind Sie denn von Beruf?«
»Auch Werbefachmann«, antwortete Schulze.
»Schön war's, wenn wir in derselben Abteilung arbeiten könnten«, meinte Hagedorn. »Wir
verstehen uns nämlich sehr gut, Schulze und ich. Wir würden den Toblerkonzern
propagandistisch gründlich aufmöbeln. Er kann's gebrauchen. Was ich da in der letzten Zeit an
Reklame gesehen habe, war zum Heulen.«
»So?« fragte Schulze.
»Grauenhaft dilettantisch«, erklärte der junge Mann. »Bei dem Reklameetat, den so ein Konzern
hat, kann man ganz anders loslegen. Wir werden dem Tobler zeigen, was für knusprige Kerle wir
sind! Ist er übrigens ein netter Mensch?«
»Ach ja«, sagte Johann Kesselhuth. »Mir gefällt er. Aber das ist natürlich Geschmackssache.«
»Wir werden ja sehen«, meinte Hagedorn. »Trinken wir auf ihn! Der olle Tobler soll leben!«
Sie stießen an.
»Das soll er«, sagte Kesselhuth und blickte Herrn Schulze liebevoll in die Augen.
Nachdem die von Karl dem Kühnen gestiftete Flasche leergetrunken war, bestellte der
Schiffahrteibesitzer Kesselhuth eine weitere Flasche. Sie wunderten sich, daß sie, trotz der
langen Reise, noch immer nicht müde waren. Sie schoben es auf die Höhenluft. Dann kletterten
sie ins Bräustübl hinunter, aßen Weißwürste und tranken Münchner Bier.
Aber sie blieben nur kurze Zeit. Denn die rassige Dame aus Polen, die abends eingetroffen war,
saß mit Mister Bryan in einer schummrigen Ecke, und Hagedorn sagte: »Ich fürchte, wir sind der
internationalen Verständigung im Wege.«
Die Bar war, als sie zurückkamen, noch voller als vorher, Frau von Mallebré und Baron Keller
saßen an der Theke, tranken Cocktails und knabberten Kaffeebohnen. Frau Casparius und der
dicke Herr Lenz waren aus dem Esplanade zurück und knobelten. Eine stattliche Schar
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