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Добавлен: 09.04.2021
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Dachfenster empor und sagte: »Der alte Tobler friert, aber er ergibt sich nicht!« Dann
schlummerte er ein.
Auch Hagedorn schlief sehr bald. Anfangs störten ihn zwar die elegante Umgebung und der
warme Ziegelstein. Doch er war, was den Schlaf anbelangt, eine Naturbegabung. Sie setzte sich
auch in Bruckbeuren durch.
Nur Herr Kesselhuth wachte. Er saß in seinem Zimmer und erledigte Post. Nachdem der
Geschäftsbrief fertig war, den ihm der Geheimrat zu schreiben aufgetragen hatte, begann er ein
privates, außerordentlich geheimes Schreiben.
Und das lautete so:
»Liebes Fräulein Hildegard!
Wir sind gesund und munter angekommen. Sie hätten aber trotzdem nicht hintenrum mit dem
Hotel telefonieren sollen. Der Herr Geheimrat will Ihnen die Ohren abschneiden. Es war ja auch
ein Schreck! Man hat den andern Preisträger, Herrn Doktor Hagedorn, für den verkleideten
Millionär gehalten. Ich kam gerade dazu. Und nun hat Hagedorn die Katzen im Zimmer. Nicht
der Herr Geheimrat.
Wir haben uns angefreundet. Ich mich mit Hagedorn. Er sich mit Ihrem Vater. Und dadurch der
Herr Geheimrat mit mir. Ich bin sehr froh. Vorhin haben wir zu dritt einen großen Schneemann
gemacht. Er heißt Kasimir und hat einen Eierkopf. Und einen Torso.
Das Hotel ist sehr vornehm. Das Publikum auch. Der Herr Geheimrat sieht natürlich zum
Fürchten aus. Von dem Schlips kann einem schlecht werden. Aber rausgeschmissen hat man ihn
nicht. Morgen geh ich in sein Zimmer und mache Ordnung. Mein elektrisches Bügeleisen hab
ich mitgenommen. Wegen dem Schneemann wollte er sich die Jackettknöpfe abschneiden. Man
muß kolossal auf ihn aufpassen. Die Frauen sind mächtig hinter Doktor Hagedorn her. Sie halten
ihn für einen Thronfolger. Dabei ist er stellungslos und sagt, man könnte sich nicht in jede
hübsche Frau verlieben. Das ginge zu weit.
Morgen lerne ich Skifahren. Privatim. Es brauchen nicht alle zu sehen, wenn ich lang hinschlage.
Der Portier dachte erst, der Herr Geheimrat sei ein Hausierer. Das hat er davon. Aber er findet so
was ja nur komisch. Nun darf ich ihn wenigstens kennen und mit ihm sprechen. Ich bin sehr
froh. Aber das schrieb ich schon einmal, wie ich gerade bemerke. Ich bin trotzdem sehr froh.
Wir waren in der Bar und haben einiges gehoben. Aber vom Sternhimmel sind wir dann wieder
nüchtern geworden. Und vom Schneemann. Er steht vorm Hoteltor. Die Gäste werden morgen
staunen.
Ich schreibe Ihnen bald wieder. Hoffentlich breche ich nichts Wesentliches. Skifahren ist
ziemlich gefährlich. Wer soll sich um den Herrn Geheimrat kümmern, wenn ich bei irgendeinem
Arzt in Gips liege! Na, ich werde schon aufpassen, daß ich ganz bleibe.
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Hoffentlich geht es Ihnen gut, liebes Fräulein Hilde. Haben Sie keine Sorge um Ihren Vater. Auf
mich können Sie sich verlassen. Das wissen Sie ja.
Grüßen Sie die Kunkel von mir. Und der Einfall mit dem Telefonieren sähe ihr ähnlich. Mehr
habe ich ihr nicht zu sagen.
Von ganzem Herzen hochachtungsvoll und Ski Heil! Ihr alter Johann Kesselhuth.«
Das neunte Kapitel
Drei Männer im Schnee
Früh gegen sieben Uhr polterten die ersten Gäste aus ihren Zimmern. Es klang, als marschierten
Kolonnen von Tiefseetauchern durch die Korridore.
Der Frühstückssaal hallte wider von den Gesprächen und vom Gelächter hungriger, gesunder
Menschen. Die Kellner balancierten üppig beladene Tabletts. Später schleppten sie Lunchpakete
herbei und überreichten sie den Gästen, die erst am Nachmittag von größeren Skitouren
zurückkehren wollten.
Heute zog auch Hoteldirektor Kühne wieder in die Berge. Als er, gestiefelt und gespornt, beim
Portier vorüberkam, sagte er: »Herr Folter, sehen Sie zu, daß dieser Schulze keinen Quatsch
macht! Der Kerl ist heimtückisch. Seine Ohrläppchen sind angewachsen. Und kümmern Sie sich
um den kleinen Millionär!«
»Wie ein Vater«, erklärte Onkel Folter ernst. »Und dem Schulze werde ich irgendeine
Nebenbeschäftigung verpassen. Damit er nicht übermütig wird.«
Karl der Kühne musterte das Barometer. »Ich bin vor dem Diner wieder da.« Fort war er.
»Na, wenn schon«, sagte der Portier und sortierte anschließend die Frühpost.
Herr Kesselhuth saß noch in der Wanne, als es klopfte. Er meldete sich nicht. Denn er hatte Seife
in den Augen. Und Kopfschmerzen hatte er außerdem. »Das kommt vom Saufen«, sprach er zu
sich selber. Und dann ließ er sich kaltes Wasser übers Genick laufen.
Da wurde die Badezimmertür geöffnet, und ein wilder, lockiger Gebirgsbewohner trat ein.
»Guten Morgen wünsch ich«, erklärte er. »Entschuldigen Sie, bittschön. Aber ich bin der
Graswander Toni.«
»Da kann man nichts machen«, sagte der nackte Mann in der Wanne. »Wie geht's?«
»Danke der Nachfrage. Es geht.«
»Das freut mich«, versicherte Kesselhuth in gewinnender Manier. »Und worum handelt sich's?
Wollen Sie mir den Rücken abseifen?«
Anton Graswander zuckte die Achseln. »Schon, schon. Aber eigentlich komm ich von wegen
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dem Skiunterricht.«
»Ach so!« rief Kesselhuth. Dann streckte er einen Fuß aus dem Wasser, bearbeitete ihn mit
Bürste und Seife und fragte: »Wollen wir mit dem Skifahren nicht lieber warten, bis ich
abgetrocknet bin?«
Der Toni sagte:
»Please, Sir!«
Er war ein internationaler Skilehrer. »Ich warte drunten in der
Halle. Ich hab dem Herrn ein Paar Bretteln mitgebracht. Prima Eschenholz.« Dann ging er
wieder.
Auch Hagedorns morgendlicher Schlummer erlitt eine Störung. Er träumte, daß ihn jemand
rüttele und schüttele, und rollte sich gekränkt auf die andre Seite des breiten Betts. Aber der
Jemand ließ sich nicht entmutigen. Er wanderte um das Bett herum, schlug die Steppdecke
zurück, zog ihm den Pyjama vom Leibe, goß aus einer Flasche kühles Öl auf den Rücken des
Schläfers und begann ihn mit riesigen Händen zu kneten und zu beklopfen.
»Lassen Sie den Blödsinn!« murmelte Hagedorn und haschte vergeblich nach der Decke. Dann
lachte er plötzlich und rief: »Nicht kitzeln!« Endlich wachte er ein wenig auf, drehte den Kopf
zur Seite, bemerkte einen großen Mann mit aufgerollten Hemdsärmeln und fragte erbost: »Sind
Sie des Teufels, Herr?«
»Nein, der Masseur«, sagte der Fremde. »Ich bin bestellt. Mein Name ist Masseur Stünzner.«
»Ist Masseur Ihr Vorname?« fragte der junge Mann.
»Eher der Beruf«, antwortete der andre und verstärkte seine handgreiflichen Bemühungen. Es
schien nicht ratsam, Herrn Stünzner zu reizen. »Ich bin in seiner Gewalt«, dachte der junge
Mann. »Er ist ein jähzorniger Masseur. Wenn ich ihn kränke, massiert er mich in Grund und
Boden.«
Alle Knochen taten ihm weh. Und das sollte gesund sein?
Geheimrat Tobler wurde nicht geweckt. Er schlief, in seinen uralten warmen Mantel gehüllt,
turmhoch über allem irdischen Lärm. Fern von Masseuren und Skilehrern. Doch als er erwachte,
war es noch dunkel.
Er blieb lange Zeit, im friedlichen Halbschlummer, liegen. Und er wunderte sich, in
regelmäßigen Abständen, daß es nicht heller wurde.
Endlich kletterte er aus dem Bett und blickte auf die Taschenuhr. Die Leuchtziffern teilten mit,
daß es zehn Uhr war. »Offensichtlich eine Art Sonnenfinsternis«, dachte er und ging kurz
entschlossen wieder ins Bett. Es war hundekalt im Zimmer.
Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Und, vor sich hindösend, kam ihm eine Idee. Er stieg
wieder aus dem Bett heraus, zündete ein Streichholz an und betrachtete das nahezu waagrechte
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Dachfenster.
Das Fenster lag voller Schnee. »Das ist also die Sonnenfinsternis!« dachte er. Er stemmte das
Fenster hoch. Der größere Teil des auf dem Fenster liegenden, über Nacht gefallenen Schnees
prasselte das Dach hinab. Der Rest, es waren immerhin einige Kilo, fiel in und auf Toblers
Pantoffeln.
Er schimpfte. Aber es klang nicht sehr überzeugend.
Draußen schien die Sonne. Sie drang wärmend in die erstarrte Kammer. Herr Geheimrat Tobler
zog den alten Mantel aus, stellte sich auf den Stuhl, steckte den Kopf durchs Fenster und nahm
ein Sonnenbad. Die Nähe und der Horizont waren mit eisig glänzenden Berggipfeln und rosa
schimmernden Felsschroffen angefüllt.
Schließlich stieg er wieder vom Stuhl herunter, wusch und rasierte sich, zog den violetten Anzug
an, umgürtete die langen Hosenbeine mit einem Paar Wickelgamaschen, das aus dem Weltkrieg
stammte, und ging in den Frühstückssaal hinunter.
Hier traf er Hagedorn. Sie begrüßten einander aufs herzlichste. Und der junge Mann sagte: »Herr
Kesselhuth ist schon auf der Skiwiese.« Dann frühstückten sie gründlich.
Durch die großen Fenster blickte man in den Park. Die Bäume und Büsche sahen aus, als ob auf
ihren Zweigen Schnee blühe, genau wie Blumen blühen. Darüber erhoben sich die Kämme und
Gipfel der winterlichen Alpen. Und über allem, hoch oben, strahlte wolkenloser, tiefblauer
Himmel.
»Es ist so schön, daß man aus der Haut fahren könnte!« sagte Hagedorn. »Was unternehmen wir
heute?«
»Wir gehen spazieren«, meinte Schulze. »Es ist vollkommen gleichgültig wohin.« Er breitete
sehnsüchtig die Arme aus. Die zu kurzen Ärmel rutschten vor Schreck bis an die Ellbogen. Dann
sagte er: »Ich warne Sie nur vor einem: Wagen Sie es nicht, mir unterwegs mitzuteilen, wie die
einzelnen Berge heißen!«
Hagedorn lachte. »Keine Bange, Schulze! Mir geht's wie Ihnen. Man soll die Schönheit nicht
duzen!«
»Die Frauen ausgenommen«, erklärte Schulze aufs entschiedenste.
»Wie Sie wünschen!« sagte der junge Mann. Dann bat er einen der Kellner, er möge ihm doch
aus der Küche einen großen leeren Marmeladeneimer besorgen. Der Kellner führte den
merkwürdigen Auftrag aus, und die beiden Preisträger brachen auf.
Onkel Polter überlief eine Gänsehaut, als er Schulzes Wickelgamaschen erblickte. Auch über
Hagedorns Marmeladeneimer konnte er sich nicht freuen. Es sah aus, als ob zwei erwachsene
Männer fortgingen, um im Sand zu spielen.
Sie traten aus dem Hotel. »Kasimir ist über Nacht noch schöner geworden!« rief Hagedorn
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begeistert aus, lief zu dem Schneemann hinüber, stellte sich auf die Zehenspitzen und stülpte ihm
den goldgelben Eimer aufs Haupt. Dann übte er, schmerzverzogenen Gesichts, Schulterrollen
und sagte: »Dieser Stünzner hat mich völlig zugrunde gerichtet!«
»Welcher Stünzner?« fragte Schulze.
»Der Masseur Stünzner«, erklärte Hagedorn. »Ich komme mir vor, als hätte man mich durch eine
Wringmaschine gedreht. So ähnlich muß sich Prokrustes gefühlt haben. Und das soll gesund
sein? Das ist vorsätzliche Körperverletzung!«
»Es ist trotzdem gesund«, behauptete Schulze.
»Wenn er übermorgen wiederkommt«, sagte Hagedorn, »schicke ich ihn in Ihre Rumpelkammer.
Soll er sich bei Ihnen austoben!«
Da öffnete sich die Hoteltür, und Onkel Folter stapfte durch den Schnee. »Hier ist ein Brief, Herr
Doktor. Und in dem anderen Kuvert sind ein paar ausländische Briefmarken.«
»Danke schön«, sagte der junge Mann. »Oh, ein Brief von meiner Mutter! Wie gefällt Ihnen
übrigens Kasimir?«
»Darüber möchte ich mich lieber nicht äußern«, erwiderte der Portier.
»Erlauben Sie mal!« rief der junge Mann. »Kasimir gilt unter Fachleuten für den schönsten
Schneemann zu Wasser und zu Lande!«
»Ach so«, sagte Onkel Polter. »Ich dachte, Kasimir sei der Vorname von Herrn Schulze.« Er
verbeugte sich leicht und ging zur Hoteltür zurück. Dort drehte er sich noch einmal um. »Von
Schneemännern verstehe ich nichts.«
Sie folgten einem Weg, der über verschneites, freies Gelände führte. Später kamen Sie in einen
Tannenwald und mußten steigen. Die Bäume waren uralt und riesengroß. Manchmal löste sich
die schwere Schneelast von einem der Zweige und stäubte in dichten weißen Wolken auf die
zwei Männer herab, die schweigend durch die märchenhafte Stille spazierten. Der Sonnenschein,
der streifig über dem Bergpfad schwebte, sah aus, als habe ihn eine gütige Fee gekämmt.
Als sie einer Bank begegneten, machten sie halt. Der Schnee lag auf ihr wie ein hohes
Daunenkissen. Hagedorn schob den Schnee beiseite, und sie setzten sich. Ein schwarzes
Eichhörnchen lief eilig über den Weg.
Nach einer Weile erhoben sie sich wortlos und gingen weiter. Der Wald war zu Ende. Sie
gerieten auf freies Feld. Ihr Pfad schien im Himmel zu münden. In Wirklichkeit bog er rechts ab
und führte zu einem baumlosen Hügel, auf dem sich zwei schwarze Punkte bewegten.
Hagedorn sagte: »Ich bin glücklich! Bis weit über die Grenzen des Erlaubten!« Er schüttelte
befremdet den Kopf. »Wenn man's so bedenkt: Vorgestern noch in Berlin. Seit Jahren ohne
Arbeit. Und in vierzehn Tagen wieder in Berlin ...«
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