ВУЗ: Не указан
Категория: Не указан
Дисциплина: Не указана
Добавлен: 09.04.2021
Просмотров: 2025
Скачиваний: 3

»Glücklichsein ist keine Schande«, sagte Schulze, »sondern eine Seltenheit.«
Plötzlich entfernte sich der eine der schwarzen Punkte von dem anderen. Der Abstand wuchs.
Der Punkt wuchs auch. Es war ein Skifahrer. Er kam mit unheimlicher Geschwindigkeit näher
und hielt sich mit Mühe aufrecht.
»Da gehen jemandem die Schneeschuhe durch«, meinte Hagedorn.
Ungefähr zwanzig Meter von ihnen tat der Skifahrer einen marionettenhaften Sprung, stürzte
kopfüber in eine Schneewehe und war verschwunden.
»Spielen wir ein bißchen Feuerwehr!« rief Schulze. Dann liefen sie querfeldein, versanken
wiederholt bis an die Hüften im Schnee und halfen einander, so gut es ging, vorwärts.
Endlich erblickten sie ein Paar zappelnde Beine und ein Paar Skibretter und zogen und zerrten an
dem fremden Herrn, bis er, dem Schneemann Kasimir nicht unähnlich, zum Vorschein kam. Er
hustete und prustete, spuckte pfundweise Schnee aus und sagte dann tieftraurig: »Guten Morgen,
meine Herren.« Es war Johann Kesselhuth.
Herr Schulze lachte Tränen. Doktor Hagedorn klopfte den Schnee vom Anzug des
Verunglückten. Und Kesselhuth befühlte mißtrauisch seine Gliedmaßen. »Ich bin anscheinend
noch ganz«, meinte er dann.
»Weshalb sind Sie denn in diesem Tempo den Hang heruntergefahren?« fragte Schulze.
Kesselhuth sagte ärgerlich: »Die Bretter sind gefahren. Ich doch nicht!«
Nun kam auch der Graswander Toni angesaust. Er fuhr einen eleganten Bogen und blieb mit
einem Ruck stehen. »Aber, mein Herr!« rief er. »Schußfahren kommt doch erst in der fünften
Stunde dran!«
Nach dem Mittagessen gingen die drei Männer auf die Hotelterrasse hinaus, legten sich in
bequeme Liegestühle, schlössen die Augen und rauchten Zigarren. Die Sonne brannte heißer als
im Sommer. »In ein paar Tagen werden wir wie die Neger aussehen«, meinte Schulze. »Braune
Gesichtsfarbe tut Wunder. Man blickt in den Spiegel und ist gesund.«
Die anderen nickten zustimmend.
Nach einiger Zeit sagte Hagedorn: »Wissen Sie, wann meine Mutter den Brief geschrieben hat,
der heute ankam? Während ich in Berlin beim Fleischer war, um Wurst für die Reise zu holen.«
»Wozu diese Überstürzung?« fragte Kesselhuth verständnislos.
»Damit ich bereits am ersten Tage Post von ihr hätte!«
»Aha!« sagte Schulze. »Ein sehr schöner Einfall.«
Die Sonne brannte. Die Zigarren brannten nicht mehr. Die drei Männer schliefen. Herr
Kesselhuth träumte vom Skifahren. Der Graswander Toni stand auf dem einen Turm der
Münchner Frauenkirche. Und er, Kesselhuth, stand auf dem andern Turm.
56

»Und jetzt eine kleine Schußfahrt«, sagte der Toni. »Über das Kirchendach, bitte schön. Und
dann, mit einem stilreinen Sprung, in die Brienner Straße. Vorm Hofgarten, beim Annast,
machen S' einen Stemmbogen und warten auf mich.«
»Ich fahre nicht«, erklärte Kesselhuth. »Das würde mir nicht einmal im Traum einfallen!«
Hierbei fiel ihm ein, daß er träumte! Da wurde er mutig und sagte zum Toni: »Rutschen Sie mir
in stilreinen Stemmbögen den Buckel runter!« Anschließend lächelte er im Schlaf.
Das zehnte Kapitel
Herrn Kesselhuths Aufregungen
Als Hagedorn erwachte, waren Schulze und Kesselhuth verschwunden. Aber an einem der
kleinen Tische, nicht weit von ihm, saß Frau von Mallebré und trank Kaffee.
»Ich habe Sie beobachtet, Herr Doktor«, sagte sie. »Sie haben Talent zum Schlafen!«
»Das will ich meinen!« gab er stolz zur Antwort. »Habe ich geschnarcht?«
Sie verneinte und lud ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Er setzte sich zu ihr. Sie sprachen zunächst
über das Hotel und die Alpen und über das Reisen. Dann sagte sie: »Ich habe das Gefühl, mich
bei Ihnen entschuldigen zu müssen, daß ich eine so oberflächliche Frau bin. Ja, ja, ich bin
oberflächlich. Es stimmt leider. Aber ich war nicht immer so. Mein Wesen wird jeweils von dem
Manne bestimmt, mit dem ich zusammenlebe. Das ist bei vielen Frauen so. Wir passen uns an.
Mein erster Mann war Biologe. Damals war ich sehr gebildet. Mein zweiter Mann war
Rennfahrer, und in diesen zwei Jahren habe ich mich nur für Autos interessiert. Ich glaube, wenn
ich mich in einen Turner verliebte, würde ich die Riesenwelle können.«
»Hoffentlich heiraten sie niemals einen Feuerschlucker«, meinte Hagedorn. »Überdies soll es
Männer geben, denen das Anpassungsbedürfnis der Frau auf die Nerven geht.«
»Es gibt überhaupt nur solche Männer«, sagte sie. »Aber ein, zwei Jahre lang findet es jeder
reizend.« Sie machte eine Kunstpause. Dann fuhr sie fort: »Ich habe große Angst, daß meine
Oberflächlichkeit chronisch wird. Aber ohne fremde Hilfe finde ich nicht heraus.«
»Wenn ich Sie richtig verstehe, halten Sie mich für einen besonders energischen und wertvollen
Menschen. «
»Sie verstehen mich richtig«, erwiderte sie und sah ihn zärtlich an.
»Ihre Ansicht ehrt mich«, sagte er. »Aber ich bin doch schließlich kein Gesundbeter, gnädige
Frau!«
»Das ist falsch ausgedrückt«, meinte sie leise. »Ich will doch nicht mit Ihnen beten!«
Er stand auf. »Ich muß leider fort und meine Bekannten suchen. Wir werden das Gespräch ein
andermal fortsetzen.«
57

Sie gab ihm die Hand. Ihre Augen blickten verschleiert. »Schade, daß Sie schon gehen, lieber
Doktor. Ich habe sehr großes Vertrauen zu Ihnen.«
Er machte sich aus dem Staube und suchte Schulze, um sich auszuweinen. Er suchte Schulze,
fand aber Kesselhuth. Dieser sagte: »Vielleicht ist er in seinem Zimmer.« Sie begaben sich also
ins fünfte Stockwerk. Sie klopften. Weil niemand antwortete, drückte Hagedorn auf die Klinke.
Die Tür war nicht verschlossen. Sie traten ein. Das Zimmer war leer.
»Wer wohnt hier?« fragte Kesselhuth.
»Schulze«, antwortete der junge Mann. »Das heißt, von Wohnen kann natürlich gar keine Rede
sein. Es ist seine Schlafstelle. Er kommt am späten Abend, zieht seinen Mantel an, setzt die rote
Pudelmütze auf und legt sich ins Bett.«
Herr Kesselhuth schwieg. Er konnte es nicht fassen.
»Na, gehen wir wieder!« meinte Hagedorn.
»Ich komme nach«, sagte der andere. »Das Zimmer interessiert mich.«
Als der junge Mann gegangen war, begann Herr Kesselhuth aufzuräumen. Der Spankorb stand
aufgeklappt auf dem Fußboden. Die Wäsche war durchgewühlt. Der Mantel lag auf dem Bett.
Schlipse, Röllchen und Socken häuften sich auf dem Tisch. Im Krug und im Waschbecken war
kein frisches Wasser. Johann hatte Tränen in den Augen.
Nach zwanzig Minuten war Ordnung! Der Diener holte aus seinem eleganten Jackett ein Etui
hervor und legte drei Zigarren und eine Schachtel Streichhölzer auf den Tisch.
Dann eilte er treppab, durchstöberte seine Koffer und Schränke und kehrte, über die
Dienstbotentreppe schleichend, in die Dachkammer zurück. Er brachte ein Frottierhandtuch,
einen Aschenbecher, eine Kamelhaardecke, eine Vase mit Tannengrün, eine Gummiwärmflasche
und drei Äpfel angeschleppt. Nachdem er die verschiedenen Gaben aufgestellt und hingelegt
hatte, blickte er sich noch einmal prüfend um, notierte einiges in seinem Notizbuch und ging,
wieder über die Hintertreppe, in sein vornehm eingerichtetes Zimmer zurück.
Er war niemandem begegnet.
Hagedorn, der im Schreibsalon, im Spielzimmer, in der Bar, in der Bibliothek und sogar auf der
Kegelbahn gesucht hatte, wußte sich keinen Rat mehr. Das Hotel lag wie ausgestorben. Die
Gäste waren noch in den Bergen.
Er ging in die Halle und fragte den Portier, ob er eine Ahnung habe, wo Herr Schulze stecke.
»Er ist auf der Eisbahn, Herr Doktor«, sagte Onkel Folter. »Hinterm Haus.«
Der junge Mann verließ das Hotel. Die Sonne ging unter. Es schimmerten nur noch die höchsten
Gipfel. — Die Eisbahn befand sich auf dem Tennisgelände. Aber es lief niemand Schlittschuh.
Die Eisfläche war hoch mit Schnee bedeckt. Am anderen Ende der Bahn schippten zwei Männer.
58

Hagedorn hörte sie reden und lachen. Er ging an dem hohen Drahtgitter entlang, um den Platz
herum. Als er nahe genug war, rief er: »Entschuldigen Sie, haben Sie einen großen älteren Herrn
gesehen, der Schlittschuh laufen wollte?«
Einer der beiden Arbeiter rief laut zurück: »Jawohl, mein Lieber! Der große ältere Herr schippt
Schnee!«
»Schulze?« fragte Hagedorn. »Sind Sie's wirklich? Ihnen ist wohl die Sicherung
durchgebrannt?«
»Keineswegs!« antwortete Schulze heiter. »Ich treibe Ausgleichsgymnastik!« Er hatte die rote
Pudelmütze auf dem Kopf sitzen, trug die schwarzen Ohrenklappen, die dicken
Strickhandschuhe und zwei Paar Pulswärmer. »Der Portier hat mich als technische Nothilfe
eingesetzt.«
Hagedorn betrat, tastenden Schritts, die gekehrte Eisfläche und lief vorsichtig zu den beiden
Männern hinüber.
Schulze schüttelte ihm die Hand.
»Aber das gibt's doch gar nicht«, meinte der junge Mann verstört. »So eine Unverschämtheit!
Das Hotel hat doch Angestellte genug!«
Sepp, der Gärtner und Skihallenwächter, spuckte in die Hände, schippte weiter und sagte:
»Freilich hat es das. Es dürfte eine Schikane sein.«
»Ich kann das nicht finden«, erklärte Schulze. »Der Portier ist um meine Gesundheit besorgt.«
»Kommen Sie sofort hier weg!« sagte Hagedorn. »Ich werde den Kerl ohrfeigen, bis er weiße
Mäuse sieht!«
»Mein Lieber«, sagte Schulze. »Ich bitte Sie noch einmal, sich nicht in diese Angelegenheit
hineinzumischen. «
»Ist noch eine Schippe da?« fragte der junge Mann.
»Das schon«, meinte der Sepp. »Aber der halbe Platz ist gekehrt. Das andere schaff ich allein.
Gehen S' jausen, Herr Schulze!«
»War ich sehr im Wege?« fragte der ältere Herr schüchtern.
Der Sepp lachte. »Leicht! Studiert haben S' nicht auf das Schippen.«
Schulze lachte auch. Er verabschiedete sich kollegial, drückte dem Einheimischen ein paar
Groschen in die Hand, lehnte sein Handwerkszeug ans Gitter und ging mit Hagedorn durch den
Park ins Hotel zurück. »Morgen lauf ich Schlittschuh«, sagte er. »Aber vielleicht kann ich's gar
nicht mehr. Zu dumm, daß keine Wärmbude da ist. Das war immer das Schönste am Eislaufen.«
»Ich ärgere mich«, gestand Hagedorn. »Wenn Sie jetzt keinen Krach machen, werden Sie
spätestens übermorgen die Treppen scheuern. Beschweren Sie sich wenigstens beim Direktor!«
»Der Direktor steckt doch auch dahinter. Man will mich hinausekeln. Ich finde es sehr
59

spannend.« Schulze schob seinen Arm unter den des jungen Mannes. »Es ist eine Marotte von
mir. Knurren Sie nicht! Vielleicht verstehen Sie mich später einmal!«
»Das glaube ich kaum«, antwortete Hagedorn. »Sie sind zu gutmütig. Deshalb haben Sie's auch
in Ihrem Leben zu nichts gebracht.«
Der andere mußte lächeln. »Genauso ist es. Ja, es kann nicht jeder Mensch Thronfolger von
Albanien sein.« Er lachte. »Und nun erzählen Sie mir ein bißchen von Ihren Liebesaffären! Was
wollte denn die dunkle Schönheit, die auf die Terrasse kam, um Ihren Schlaf zu bewachen?«
»Es ist eine Frau von Mallebré. Und ich soll sie unbedingt retten. Sie gehört nämlich zu den
Frauen, die das Niveau des Mannes annehmen, in den sie gerade verliebt sind. Auf diesem Wege
hat sie sich nun eine Oberflächlichkeit zugezogen, die sie endlich wieder loswerden will. Zu
dieser Kur braucht sie umgehend einen gebildeten, geistig hochstehenden Menschen. Und der
bin ich!«
»Sie Ärmster«, sagte Schulze. »Wenn die Person nur nicht so hübsch wäre! Na, und die
Blondine aus Bremen, will die auch gerettet werden?«
»Nein. Frau Casparius ist für die einfachere Methode. Sie behauptet, wir zwei seien jung und
unbeschäftigt; und es sei eine Sünde, wenn wir einander etwas abschlügen. Sie wollte sich
bereits gestern abend die drei siamesischen Katzen ansehen.«
»Vorsicht, Vorsicht!« sagte Schulze. »Welche gefällt Ihnen besser?«
»Ich bin für Flirts zu schwerfällig. Und ich möchte so bleiben. Auf Erlebnisse, über die man sich
hinterher ärgert, bin ich nicht mehr neugierig. Andererseits: Wenn sich Frauen etwas in den Kopf
gesetzt haben, führen sie es meistens durch. Sagen Sie, Schulze, könnten Sie nicht ein bißchen
auf mich aufpassen?«
»Wie eine Mutter«, erklärte der andere pathetisch. »Die bösen Frauen dürfen Ihnen nichts tun.«
»Verbindlichen Dank«, sagte Hagedorn.
»Als Belohnung kriege ich aber jetzt in Ihrem Salon einen Kognak. Schneeschippen macht
durstig. Außerdem muß ich den kleinen Katzen guten Tag sagen. Wie geht's ihnen denn?«
»Sie haben schon nach Ihnen gefragt«, erklärte der junge Mann.
Währenddessen saß der angebliche Schiffahrtslinienbesitzer Kesselhuth in seinem Zimmer und
verfaßte einen verzweifelten Brief. Er schrieb:
»Liebes Fräulein Hildegard!
Ich habe mich wieder einmal zu früh gefreut. Ich dachte schon, es wäre alles soweit gut und
schön. Aber als Doktor Hagedorn und ich heute nachmittag den Herrn Geheimrat suchten,
fanden wir ihn nicht. Hagedorn hat natürlich keine blasse Ahnung, wer Herr Schulze in
60